|
PISA Studie in Östereich
Freude und Interesse an Naturwissenschaft bei Waldorfschülern hoch ausgeprägt
Die Detailauswertung der Pisa-Studie 2006 wurde Anfang März 2009 präsentiert.
Vorwort der PISA-Verantwortlichen:
Wie bereits in den beiden vorhergehenden PISA-Zyklen 2000 und 2003 wurden auch bei PISA 2006 die 15-/16-Jährigen in den österreichischen Waldorfschulen mit den PISA-Instrumenten und den bei PISA üblichen standardisierten Verfahren getestet. Es handelt sich dabei um eine nationale Zusatzerhebung, an der alle zehn österreichischen Waldorfschulen teilnahmen. Bei der nationalen Zusatzstichprobe handelt es sich im Gegensatz zur regulären PISA-Stichprobe um eine Vollerhebung der österreichischen 15-/16-jährigen Waldorfschüler/innen des Schuljahres 2005/2006.
Empirische Forschungsergebnisse zur Waldorfpädagogik sind nach wie vor rar. Die wenigen erfahrungswissenschaftlichen Untersuchungen in diesem Forschungsfeld beziehen sich vor allem auf retrospektive, subjektive Einschätzungen ehemaliger Schüler/innen oder/und weisen methodische Mängel vor allem hinsichtlich geringer Rücklaufquoten auf (Randoll, 2004; Ullrich, 2004). Im Gegensatz dazu versteht sich die folgende Darstellung als Beitrag zum aktuellen schulischen Geschehen in den Waldorfschulen sowie zur Diskussion über die tatsächlichen Leistungen der Schüler/innen in drei wichtigen Kompetenzbereichen.
Christina Wallner-Paschon (bifie)
Hier können Sie die gesamte Auswertung der österreichischen Waldorfschulen nachlesen:
<www.bifie.at/pisa2006eb-9-6>.
In der Zeitung "Der Standard" erschien dazu am 3.03.2009 dieser Artikel.
Hier die Pressemeldung des Bundes der Freien Waldorfschulen.
Für all diejenigen, die nicht die Zeit haben die gesamte Auswertung zu lesen, nachstehend das Resümee:
9.6 Kompetenzen und individuelle Merkmale der Waldorfschüler/innen im Vergleich
Resümee
Die Waldorfschüler/innen erbringen 2006 ähnliche durchschnittliche Leistungen in Lesen und Mathematik wie die Schüler/innen des österreichischen Regelschulwesens. In Naturwissenschaft zeigen sich ihre Stärken hier befinden sie sich deutlich über dem Österreich-Schnitt. Die Schwankungen der Leistungsmittelwerte über die Zeit erweisen sich als moderat. Damit positionieren sich die Waldorfschüler/innen in allen drei Kompetenzbereichen und über alle drei Zyklen hinweg eindeutig zwischen den höheren Schulen (AHS, BHS) und den Berufsbildenden Mittleren Schulen (BMS). Aus diesem Ergebnis kann aber nicht zwangsläufig geschlossen werden, dass die AHSund BHS die „besseren Schulen“ sind, da ihre Schüler/innen, im Gegensatz zur Waldorfschule, eine nach Leistung selektierte Gruppe sind.
Der Anteil der Risikoschüler/innen innerhalb aller drei Kompetenzbereiche ist in den Waldorfschulen eindeutig geringer als in den österreichischen Regelschulen. Besonders wenige Risikoschüler/innen gibt es in Naturwissenschaft. In Bezug auf die Spitzenschüler/innen zeigt sich in Lesen und Mathematik, dass der Anteil in den Waldorfschulen im Vergleich zum Österreich-Schnitt gering ist. In Naturwissenschaft liegen die Waldorfschulen mit ihrem Spitzenschüleranteil jedoch im Österreich-Schnitt. Im Vergleich zu den Schulsparten des österreichischen Regelschulwesens positionieren sich die Waldorfschulen mit ihrem Anteil an Risiko- und Spitzenschülerinnen und -schülern eindeutig zwischen den höheren Schulen (AHS, BHS) und den Berufsbildenden Mittleren Schulen (BMS).
Ein interessantes Ergebnis erzielen die Waldorfschüler/innen hinsichtlich der drei naturwissenschaftlichen Fähigkeiten. Während sie beim „naturwissenschaftlichen Erklären von Phänomenen“ mit den österreichischen Schülerinnen und Schülern der Regelschulen, die hier ihre beste Leistung zeigen, etwa gleichauf liegen, sind die Waldorfschüler/innen beim Erkennen anturwissenschaftlicher Fragestellungen und dem Heranziehen naturwissenschaftlicher Beweise eindeutig besser: Dabei zeigen sie bei ersterem ihre beste Leistung und nähern sich in diesem Teilbereich den Leistungen der AHS- und BHS-Schüler/innen an.
Hinsichtlich der Geschlechterdifferenzen sind bei PISA 2006 im Gegensatz zu PISA 2000 in den Waldorfschulen keine Besonderheiten oder Auffälligkeiten zu beobachten. Die Unterschiede zwischen den Burschen und Mädchen sind gegenüber 2003 konstant geblieben und können im Vergleich zu den österreichischen Schulsparten als moderat eingeschätzt werden. In Mathematik und Naturwissenschaft liegen die Burschen vor den Mädchen. Hingegen schneiden diese in Lesen durchschnittlich besser ab.
Bezüglich der motivationalen Merkmale der Schüler/innen zeigt sich in den Waldorfschulen folgendes Bild: Sowohl die Freude als auch das allgemeine Interesse an Naturwissenschaft sind bei den Waldorfschülerinnen und -schülern sehr hoch ausgeprägt. Die Waldorfschulen liegen mit beiden Merkmalen über dem Österreich- und dem OECD-Mittel. In keiner Schulsparte des österreichischen Regelschulwesens sind die Freude und das Interesse der Schüler/innen in Naturwissenschaft annähernd so hoch.
In ihrer Einschätzung bezüglich der Relevanz von Naturwissenschaft für die Zukunft übertreffen die Waldorfschulen ebenfalls das Österreich-Mittel, liegen aber gleichzeitig unter dem OECD-Durchschnittswert, der bereits durch eine hohe Zustimmung zu den Einzelitems gekennzeichnet ist. Auch hier sind die Durchschnittswerte der einzelnen österreichischen Schulsparten signifikant unter dem Durchschnitt der Waldorfschüler/innen angesiedelt.
Hinsichtlich ihrer Überzeugung, naturwissenschaftliche Aufgaben zu meistern, befinden sich die Waldorfschüler/innen knapp vor dem ohnehin durch hohe Zustimmung charakterisierten OECD-Mittel. Sie liegen mit ihrem Vertrauen in ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten über dem österreichischen Durchschnittswert und können sich in Bezug auf dieses Merkmal mit den 15-/16-Jährigen der BHS messen. Nur die AHS-Schüler/innen verfügen über noch mehr Vertrauen in ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten.
Das Selbstkonzept der Waldorfschüler/innen in Naturwissenschaft ist besonders hoch ausgeprägt. Sie zeigen dabei eine über dem OECD- und Österreich-Mittel liegende positive Wahrnehmung ihrer naturwissenschaftlichen Lern- und Leistungserfahrungen, die in keiner Schulsparte der österreichischen Regelschulen übertroffen wird. Die positiven Ergebnisse der Waldorfschulen hinsichtlich der motivationalen Faktoren in den naturwissenschaftlichen Fächern lassen auf einen didaktisch guten Unterricht schließen. Die Untersuchungsergebnisse bezüglich der didaktischen Maßnahmen unterstützen diese Vermutung: In den Waldorfschulen ist der Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern durch Interaktion und Experimente gekennzeichnet. Auch das Planen oder Durchführen von naturwissenschaftlichen Untersuchungen sowie der Anwendungsbezug des Unterrichts stellt im Vergleich zu den österreichischen Regelschulen eine gängige und damit vorbildliche Unterrichtspraxis dar.
Bildungspolitische Empfehlungen auf Basis dieser Ergebnisse lassen sich vor allem für den Unterricht in naturwissenschaftlichen Fächern ableiten. Auf Grund der relativ hohen Naturwissenschafts-Kompetenz der Waldorfschüler/innen in Kombination mit äußerst hohen motivationalen Merkmalen und selbstbezogenen Kognitionen in diesen Fächern sowie den unterschiedlichen didaktischen Prinzipien liegt der Schluss nahe, dass die Regelschule von der Waldorfschule lernen kann, insbesondere was den konkreten Anwendungsbezug in der Naturwissenschaft betrifft. In diesem Zusammenhang muss der Mangel an Forschungsaktivitäten zum Thema „Waldorfpädagogik“ in Österreich sowie im gesamten deutschsprachigen Raum erwähnt werden. Gerade mit dem Hintergrundwissen, dass diese Alternativschulform durchaus Lernpotenzial für Regelschulen bietet, wären empirische Untersuchungen zu forcieren.
Christina Wallner-Paschon (bifie)
|