Dumbledore, Steiner und der JournalismusIm letzten Harry Potter Band findet Harry zunächst ein Stück Spiegel, in dem ihm übersinnlich der tiefblaue Blick seines geliebten Lehrers Dumbledore erscheint. Dann fällt sein Blick auf eine Buchankündigung in der Zeitung: "Dumbledore, the truth at last? Coming next week, the shocking story of the flawed genius considered by many to be the greatest wizard of his generation. Stripping away the popular image of serene, silver-bearded wisdom, Rita Skeeter reveals the disturbed childhood, the lawless youth, the lifelong feuds, and the guilty secrets that Dumbledore carried to his grave." Unabhängig davon, was in dem Buch von Rita Skeeter über Albus Dumbledore oder in dem Buch von Helmut Zander über Rudolf Steiner steht, die imaginative Presse Rawlings und die sonst als seriös bekannte deutsche Presse gehen weitgehend gleichartig mit den beiden verstorbenen Schulleitern Dumbledore und Steiner um. Allen voran die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine. So stand in der F.A.S. und so schreibt Alex Rühle ausführlicher in der S.Z. in einer Zander Rezension über eine Steiner Äußerung: Steiner spricht gerne in sehr plastischen, auch humorigen und gelegentlich starken Bildern. Dabei sollte es nicht erstaunlich sein, dass er von der Diktion seiner Zeit Gebrauch macht und auch Ideen seiner Zeit aufgreift. Wie sollte es denn anders sein? Interessanter ist, was er damit macht und ob und wie er eigenständig damit umgeht. Er hat seiner Anthroposophie eine hohe Bedeutung zugemessen. Er hoffte, sie würde in Europa die Kultur erneuern. Sie geht davon aus, dass die Welt nicht fertig ist, sondern bis in ihr Innerstes vom Menschen aus Freiheit mitgestaltet wird. Das hat denjenigen nie gefallen, die von einer fertigen Welt ausgehen, wie Vertreter eines biederen Materialismus oder einer von-Gott-fertig-geschaffenen-Welt, mit Geboten, denen der Mensch zu folgen hat. Nur im Sinne eines sich wandelnden Kulturimpulses spricht Steiner in seiner mitstenographierten Fragebeantwortung von der "weißen Rasse" als die "zukünftige, die am Geiste schaffende Rasse". Das wird schon aus den (in der Presse bisher noch nie mitzitierten) Folgesätzen deutlich: "Wie sie nach Indien gezogen ist, bildete sie die innerliche, poetische, dichterische, geistige indische Kultur aus. Wenn sie jetzt nach dem Westen geht, wird sie eine Geistigkeit ausbilden, die nicht mehr so sehr den innerlichen Menschen ergreift, aber die äußere Welt in ihrer Geistigkeit begreift." Heute spricht man bei derartigen kulturell-geschichtlichen Betrachtungen genau so wenig von Rasse, wie man auch nicht mehr von der "britischen Rasse" spricht, was damals aber gang und gäbe war. Man kann Autoren wie Zander nur dankbar sein (unabhängig von allen Schlussfolgerungen, die ein Historiker nur auf Grund seiner Lieblingstheorien ziehen mag), historische Betrachtungen zu liefern, die es überhaupt erst ermöglichen, diejenigen Redewendungen wie auch Gedankengänge besser einordnen zu können, die gerade keine originären Prägungen Steiners sind. Das europäische Bild von Schwarzen um den ersten Weltkrieg ist vorbildlich von Christian Koller in »Von Wilden aller Völker niedergemetzelt« (Stuttgart 2001) erforscht worden. Er schreibt zusammenfassend: »In den Jahren ... vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterschieden sich die in den einzelnen europäischen Staaten von den Kolonialsoldaten gezeichneten Bilder kaum. Die in Europa eingesetzten, ausschließlich afrikanischen Soldaten wurden allgemein als Wilde bezeichnet, irgendwo zwischen Tier und Mensch angesiedelt und als mit beträchtlichen kriegerischen Qualitäten ausgestattet betrachtet. ... Alle diese Bilder ... konstituieren sich im Wesentlichen aus den Elementen physische Robustheit, emotionale Unbeherrschtheit und intellektuelle Inferiorität. Eine wirklich ernst gemeinte Abkehr von diesen Stereotypen lässt sich in der Diskussion dieses Zeitabschnitts (1914-1930) in den untersuchten Staaten zu keinem Zeitpunkt beobachten.« Angesichts dieses Befundes erscheint die 1922 getätigte Äußerung Steiners: "Denn selbst die Neger müssen wir als Menschen ansehen" in einem geradezu fortschrittlichen Kontrast. Der Satz folgt einem Plädoyer für eine Pädagogik, die am Leben und nicht an abstrakten Grundsätzen anknüpft: "Jeder trägt ein anderes Antlitz. Wenn man abstrakte Grundsätze aufstellt, geht man in die Schulklasse hinein, und überall möchte man wünschen, dass dasselbe gemacht werde. Wenn man aus dem Leben heraus Grundsätze aufstellt, weiß man, wie das Leben mannigfaltig ist, wie sich das eine in der allerverschiedensten Weise verwirklicht" (so Rudolf Steiner am 21. August 1922 in Oxford). Steiner hat Differenzen in der Naturanlage zwischen Menschengruppierungen nicht geleugnet. Daraus leitet er aber keine Herabwürdigung und schon gar keinen Rassismus ab, sondern im Gegenteil die Notwendigkeit einer symbiotischen Zusammenarbeit innerhalb einer multikulturellen Gesellschaft. Steiner in der eingangs zitierten Fragebeantwortung vor Handwerkern und Bauarbeitern: „Es ist einmal so beim Menschengeschlecht, dass die Menschen über die Erde hin eigentlich alle aufeinander angewiesen sind. Sie müssen einander helfen. Das ergibt sich schon aus der Naturanlage" (siehe auch http://www.waldorf.net/html/aktuell/3sat.htm). Das ist das erwähnenswerte eigentliche Fazit der eingangs erwähnten Fragebeantwortung, das ist Steiners Haltung zur multikulturellen Gesellschaft in einer globalisierten Welt. Diese hochmoderne Haltung wird allerdings durch ein der heutigen Zeit völlig unangemessenes Vokabular verschleiert. Ausdrücke wie "das Triebleben der Neger" werden heutzutage nur noch von Rassisten benutzt (siehe auch http://www.themen-der-zeit.de/content/Unzeitgemaesses_Vokabular.92.0.html). Spräche Steiner in der heutigen Zeit, würde er sich mit Sicherheit ganz anders ausdrücken. Man kann deswegen die bis hundert Jahre alten mitstenographierten Äußerungen Steiners nicht rückwirkend ändern. Sie bleiben als historische Quellen so, wie sie sind. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass moderne Lehrer an modernen Waldorfschulen am modernen Leben der Gegenwart anknüpfen und eine moderne Sprache verwenden. Die Anregungen Steiners für eine moderne Pädagogik sind vielfältig. Der praktische Erfolg der Waldorfschulen zeigt, wie modern sie noch sind. Mit verstaubtem Vokabular aus der Zeit ihres Gründers hat das nichts zu tun. Auf die lebendigen Ideen kommt es an. Diese kann man nicht in abstrakte Grundsätze festzurren. Nur durch eine kritische Beschäftigung mit dem Werk Steiners können die grundlegenden Ideen überhaupt sichtbar werden. Natürlich hat Steiner auch zeitgebundene Äußerungen gemacht, die heute überholt sind. Auf diese kommt es aber gerade nicht an. Ausschlaggebend ist eine innere Haltung, aus der pädagogische Intuitionen keimen können und aus denen ein gemeinsamer und fruchtbarer pädagogischer Raum zwischen Lehrer und Schüler entsteht. - You shall know them by their fruits. Dr. Detlef Hardorp |