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An das Kollegium der
Waldorf-Schule/MV
Treuenbrietzener Str. 28
13439 Berlin |
03.02.2006
Sehr geehrte Damen und Herren,
als ehemaliger evangelischer Religionslehrer an der Waldorf-Schule drücke ich Ihnen mit diesem Schreiben meine Betroffenheit und Beschämung über die im Tagesspiegel angekündigte Veranstaltung gegen Anthroposophie und Waldorfpädagogik aus. Besonders entsetzt war ich darüber, dass der Referent den Waldorfpädagogen sogar ihr Christ-Sein abspricht.
Ich habe in der Zeit meiner Tätigkeit als evangelischer Religionslehrer an Ihrer Schule eben grade dieses Eingebettet-Sein in eine christliche Atmosphäre und Grundstruktur besonders geschätzt. Der Rhythmus der Schule war geprägt von den christlichen Festen des Kirchenjahres, wie man es heute nur selten findet, und ich habe bei meinen Schülern ein christliches Grund- und Sachwissen vorgefunden, das ihnen im allgemein bildenden Unterricht vermittelt wurde und an das ich gut anknüpfen konnte.
Sehr gerne erinnere ich mich an Ihr stets kollegiales Entgegenkommen und die Tatsache, dass die drei Auswahlmöglichkeiten des freien christlichen Religionsunterrichtes, der Christenlehre der Christengemeinschaft und dem evangelischen Religionsunterricht stets gleich und wohlwollend behandelt wurden, abgesehen davon, dass es in dieser Zeit ohnehin absurd ist, verschiedene christliche Angebote gegeneinander auszuspielen.
Durch den Einblick, den Sie mir in das Unterrichtsmaterial des freien christlichen Religionsunterrichtes gaben, konnte ich mich auch davon überzeugen, dass die Inhalte in Form der Darbietung alt- und neutestamentlicher Erzählungen ohnehin viele Übereinstimmungen ergaben,
Eine Reihe von evangelischen Pastoren nutzen für ihre Kinder die Waldorf-Pädagogik sehr gerne. Neben unserem ehemaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen hat auch Heinrich Albertz, der bekanntlich evangelischer Theologe und ordinierter Pastor unserer
Kirche gewesen ist, seine Kinder an der Rudolf-Steiner-Schule unterrichten lassen und war in der Elternvertretung sehr aktiv.
Eigentlich verdiente die angekündigte Veranstaltung gar nicht eine umfassende Apologetik, da die überzogenen und mit unsachgemäßen aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten gespickten Ausführungen des Veranstalters hinlänglich bekannt sind. Es ist aber dennoch in so fern ärgerlich, als durch den Titel „Sektenbeauftragter" der Eindruck eines offiziösen Charakters erweckt wird und eine durch die heutige Medienwelt provozierte Oberflächlichkeit dazu neigt, Schlagworte nicht zu hinterfragen.
Es hat in den siebziger Jahren unter der Leitung des bedeutenden Berliner Una-Sancta-Vorsitzenden Pfr. Dr. Jürgen Boeck einen sehr intensiven kleinen Arbeitskreis gegeben, in dem sich evangelische Theologen, Priester der Christengemeinschaft und anthroposophische Wissenschaftler zu einem für alle beglückenden und gegenseitig befruchtenden Gedankenaustausch auf hohem geistigen und geistlichen Niveau begegnet sind. Doch solche stillen Ereignisse hat leider keine Presse aufgenommen.
Ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit alles Gute und Gottes Segen. In herzlicher Verbundenheit
Ihr
Pfr. Herbert Weinmann
Ps. Sie können dieses Schreiben gerne verwenden, wenn irgendwelche verunsicherten Menschen in dieser Richtung Fragen stellen.
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