»I speak of the Cry for myths because I believe there is an urgency in the need for myth in our day. Many of the problems of our society, including cults and drug addiction, can be traced to the lack of myths which will give us as individuals the inner security we need in order to live adequately in our day.«
Rollo May
The Cry for myths»Ich spreche von einem schreienden Verlangen nach Mythen, weil ich glaube, dass es ein dringliches Bedürfnis nach Mythen in unserer Zeit gibt. Viele der Probleme unser Gesellschaft mitsamt der Hingabe an Sekten und Drogen können zurückgeführt werden auf den Mangel an Mythen, die uns als Individualitäten die innere Sicherheit geben, die wir brauchen, um entsprechend unserer Zeit zu leben.« (Rollo May) Ich bin kein Fürsprecher von „waldorfpädagogischen Staatsschulen", so dass ich überrascht war, als mich der Leiter einer New Yorker Schule anrief und um Hilfe bat. Er beschrieb seine Schule als eine Einrichtung, die einige fortschrittliche Ansätze im sozialen und wissenschaftlichen Bereich anzuwenden versuche, um die mehrheitlich afroamerikanische Schülerschaft zum Erfolg in der Schule zu motivieren. Leider habe die Schule nur eine afroamerikanische Lehrerin, in deren Klasse enorme soziale Probleme herrschten. Könnte ich etwas von der Waldorf Methode einbringen, um zu helfen? Ich war schon nah dran, „nein" zu sagen, als der Leiter den Standort der Schule nannte. Sie befinde sich nur einen Kilometer von genau demjenigen sozialen Wohnungsbau entfernt, in dem ich selber aufgewachsen war, umgeben von größter Armut und kultureller Öde. Ich erinnerte mich nur zu gut an das armselige und deprimierende Milieu. Wie konnte ich meine Hilfe verweigern? Ich traf die Lehrerin vor ihrem Klassenzimmer. Ihren Lehrplan hatte sie vorübergehend außer Kraft gesetzt, wollte sie mich wissen lassen, um ein sich wiederholendes Problem zu behandeln. Schon wieder, sagte sie, sei ein Streit zwischen zwei besonders antagonistischen Mädchen ausgebrochen. Die Gründe dafür seien mannigfaltig und komplex: Eifersucht plus Cliquengeist mal Neid dividiert durch Gehässigkeit - fürwahr eine mächtige und bittere Formel! Nach einer weit verbreiteten (und manchmal erfolgreichen) Methode baute die Lehrerin einen Flipchart auf und bat zwei Schüler, die Gesprächsleitung zu übernehmen. Die beiden Parteien wurden gebeten, ihre Version des Geschehenen zu schildern (was zu größerer Schärfe führte), und andere Schüler sollten sich darüber äußern, was in einer solchen Situation am besten zu tun wäre. Ideen und Vorschläge wurden fortlaufend auf dem Flipchart festgehalten: „Ignoriere Leute, die dich beleidigen", „Sei nett zu deinen Freunden", „Verwende keine unanständige Sprache" und so weiter. Als die Imperative erschöpft waren, wurden die Bögen des Flipchart an das Pinbrett und an die Wand geheftet, wo sie sich zu einem wachsenden Spektrum von agressiv-positiven Parolen gesellten. Ich erinnerte mich an Photos von sowjetischen Klassenzimmern aus den 50-ger Jahren, deren Wände mit den Worten Lenins und Stalins phosphoreszierten. Damals sagten uns unsere Lehrer, dass wir dankbar sein sollten, nicht in propaganda-gefüllten Räumen sitzen zu müssen ... Es war klar, dass die Diskussion, der ich beigewohnt hatte, nichts mehr brachte. Die allgemeine Wirkung war, dass die Kinder trainiert wurden, ihre Emotionen zu intellektualisieren, um sie zu „kontrollieren", während die wirklichen Gefühle weiterhin im Hintergrund rumorten, bereit, erneut auszubrechen, sobald die Diskussion beendet und der Flipchart weggestellt wurden. Symptome wurden „gemanagt", während die in den Kindern wirksamen Archetypen kaum berührt wurden. Während einer Pause besprachen die Lehrerin, der Schulleiter und ich, was ich gesehen hatte. Sie räumte ein, dass es wenig oder keinen Fortschritt bei der Überwindung der Kluft zwischen den zwei Antagonisten gegeben hatte. Ich bemerkte, dass Waldorflehrer eine derartige Streittendenz bis hin zur Rachsüchtigkeit als einen natürlichen Teil des Verhaltens von Viertklässlern betrachten. „Und was tun Sie dagegen?", fragte mich die Lehrerin, „was tun Sie an einer Waldorfschule, wenn dieses Zeug ausbricht?" Ich schmunzelte, wohlwissend, wie fremdartig meine Antwort klingen würde. „Wir erzählen eine Geschichte", sagte ich, „in welcher den Antagonisten eine mythische Dimension gegeben wird. Das objektiviert das Erlebnis. Tatsächlich erzählen wir in der vierten Klasse viele nordische Mythen auch deswegen, weil die nordischen Götter die streitbarsten und aggressivsten Götter der gesamten Mythologie sind. Zusammen mit deren Lebendigkeit ist damit eine genaue Widerspiegelung der Disposition des Viertklässlers gegeben. Wir sagen nicht viel direkt zu den betroffenen Kindern, sondern lassen sie die Geschichte „verdauen" und die Wirkung ihres Verhaltens betrachten, als würde sie jemand anderen treffen." |