Warum wird Waldorfpädagogik immer wieder diffamiert?

Das werden wir des öfteren gefragt. Herr Dimmroth aus Karlsruhe wollte mehr über die "seltsamsten Vorstellungen oder auch Vorurteile bezüglich der Waldorfschulen und deren Schüler" wissen. Es folgt ein Auszug aus seiner Anfrage und der Antwort des bildungspolitischen Sprechers der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg. (1998)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich selbst war nie Waldorfschüler, habe jedoch einen geringfügigen Einblick in die Werte, Ziele und Aufgabenstellung der freien Schulen nach R. Steiner und kenne ein bißchen die Waldorfschule Karlsruhe. Zu Hause habe ich das Buch "Erziehung zur Freiheit".

Nun geschieht es immer wieder, dass ich mit Leuten zusammenkomme, welche die seltsamsten Vorstellungen oder auch Vorurteile bezüglich der Waldorfschulen und deren Schüler pflegen (indoktrinierend, arrogant, realitätsfern, "heile Welt", lebensuntüchtig usw. usw...)

Ich persönlich habe den Eindruck, dass es sich hier allesamt um PROJEKTIONEN des jeweils eigenen Zustandes und des der staatlichen Schulen handelt und frage hiermit nach, ob es im Bezug auf diesen Sachverhalt irgendein Dokument, ein Buch oder eine Schrift gibt, welche diesen Zusammenhang beleuchtet.

P.Dimmroth
Karlsruhe


Sehr geehrter Herr Dimmroth,

Da ich kein Dokument oder Buch zu diesem Thema kenne, folgen einige spontane Gedanken.

Das Phänomen der "Projektion" ist weit verbreitet: Gerade dort, wo man selbst die größten Schwächen hat, kritisiert man gerne seine Umwelt.

Fairerweise muß man zugeben, dass es Projektionen in beide Richtungen gibt: auch Waldorflehrer schauen nicht immer gern den echten Schwächen ihrer Schule ins Auge! Diese entsprechen aber selten den sich hartnäckig wiederholenden Angriffen von außen.

Die von Ihnen genannten "seltsamen Vorstellungen" haben in letzter Zeit besonders makabre Blüten getrieben. Wilde Vermutungen kennen keine Grenzen.

Mit einem Fragezeichen versehen, tröpfeln diese als Sensationsmeldungen immer wieder in die Medien hinein, auch wenn sie sich völlig jenseits von Gut und Böse befinden.

Dahinter steckt ein weltanschaulicher Konflikt. Die Anthroposophie als Hintergrund der Waldorfpädagogik hat den Kern der Aufklärung nicht aufgegeben: den Glauben an die Möglichkeit des Menschen, sich aus der Vernunft selbst und frei zu bestimmen. Der in die Fehlentwicklung gegangene Zweig innerhalb der naturwissenschaftlichen Weltanschauung hat das Dogma ausgebildet, der Mensch könne kein freier Geist sein, sondern nur ein Produkt seiner Biologie und seiner Umgebung. Diese Anschauung hat die Basis der Aufklärung verlassen. Sie kann für die Anthroposophie kein Verständnis haben; zu einer Pädagogik zum freien Menschen kann sie auch nichts beitragen. Lippenbekenntnisse zur Freiheit müssen ohne Sinn bleiben, wenn es den freien Menschen gar nicht gibt!

Dass es keinen freien Geist ohne eine geistige Welt, in der dieser verankert ist, geben kann, hat auch Sir Karl Popper in seiner Drei-Welten-Theorie erkannt. Wenn man dann die geistige Welt der Sinneswelt zugrunde legt, stellt man das Dogma des Materialismus endgültig auf den Kopf. Obwohl das mächtigste Instrument der Naturwissenschaft, die Mathematik, eine Geisteswissenschaft ist, die verborgene geistige Zusammenhänge, die der Sinneswelt zugrunde liegen, erforscht, hat der herrschende Materialismus den Geist dogmatisch zum Nebenprodukt der Materie erklärt.

Die Geisteshaltung, die den Geist selbst leugnet, kann in der Pädagogik den Werteverfall des "anything goes" nicht aufhalten. Der daraus resultierende geistige Nihilismus setzt nun zu seinem Endsieg an. Dazu gehört das Ausmerzen jeglicher höheren menschlichen Werte. Da diese in der anthroposophischen Pädagogik unverhohlen gepflegt werden, werden Anthroposophie und Waldorfpädagogik vorne mit in der Schußlinie stehen.

In der Regel leisten die heutigen Waldorfschulen - trotz aller Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit - eine beachtliche Arbeit. Waldorflehrer sind meist Menschen, die sich für die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen mit Haut und Haar einsetzen und einen phänomenalen Arbeitseinsatz erbringen. Wenn es eine Gewerkschaft der Waldorflehrer gäbe, müßte diese etwas für eine sofortige und drastische Reduzierung des Arbeitspensums tun. Aber Waldorflehrer empfinden sich selten als Angestellte. Sie verantworten ihre Schule selbst und handeln deswegen wie Unternehmer.

Letztere arbeiten eben meist sehr viel mehr als Angestellte. Das kommt den Kindern und den Jugendlichen zugute, wie es die Mehrheit der zufriedenen Eltern von Waldorfschülern zu schätzen weiß.

Mit freundlichem Gruß,
Dr. Detlef Hardorp

Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg



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Karte der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg