Berliner Dialog - ohne DialogEin kommentierter Bericht Die Veranstaltung an der Humboldt Universität in Berlin am 21. Juli 2006 hätte schon im Februar im kirchlichen Rahmen stattfinden sollen, vom Sektenbeauftragten der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Pfarrer Thomas Gandow, und seinem damaligen Assistenten Andreas Lichte organisiert. Im Vorfeld dieser Veranstaltung hatte ich einen Brief an Bischof Huber geschrieben und ihn gebeten, sich dafür einzusetzen, dass eine "ausgewogene Veranstaltung zur Anthroposophie und Waldorfpädagogik zu Stande kommt, die auch die Andersartigkeit anderer geistiger Strömungen respektiert und diese würdevoll behandelt." Dafür sei es sinnvoll, einen Vertreter von Anthroposophie und Waldorfpädagogik mit auf das Podium zu bitten. Nachdem die Presse das Thema aufgegriffen hatte, bekam Sektenpfarrer Gandow von der Kirchenleitung die Wahl, das Podium zu ergänzen oder die Tagung abzusagen. Er wählte letzteres. Nun wurde die Tagung unter dem Titel "kritische Reflexionen zur Anthroposophie" mit dem fast identisch besetzen Podium wieder ohne Vertreter von Anthroposophie und Waldorfpädagogik neu aufgelegt, veranstaltet vom Kulturwissenschaftlichen Seminar der Humboldt-Universität zu Berlin, in Kooperation mit deren Graduiertenkolleg "Geschlecht als Wissenskategorie". Weder die Anthroposophische Gesellschaft noch der Bund der Waldorfschulen erhielten eine Einladung. Mir wurde das Programm auf Nachfrage zugesandt. Dort hieß es nach einer Aufzählung von drei Radiobeiträgen und der ZDF Frontal21 Sendung dieses Frühjahres: "In Einbeziehung dieser gesellschaftlich diskutierten Dimensionen des Themas sind alle Interessierten herzlich eingeladen, sich im Anschluss an die jeweiligen Vorträge an der Diskussion zu beteiligen". Ich nahm mir vor, Bericht zu erstatten und hörte der Veranstaltung zu, ohne mich zu Wort zu melden. Die Kritiker blieben unter sich und zeichneten, wie zu erwarten, ein einseitiges und verzerrtes Bild von Anthroposophie, was ihnen das Publikum (zwischen 40 und 60 Teilnehmer, einschließlich der Referenten und Moderatoren) abnahm. Der Tagesspiegel hat ebenfalls einen lesenswerten Bericht über die Tagung geschrieben. Am Vormittag gab es im Kern zwei Kritikpunkte: Die Behauptung Steiners, Anthroposophie hätte erstens etwas mit Wissenschaft und zweitens etwas mit Christlichkeit zu tun. Die Vorträge dienten hauptsächlich dazu, das in Abrede zu stellen. Zwei Themen, die sich vorzüglich für einen Dialog geeignet hätten, da sie erstens beide eine zentrale Stelle im anthroposophischen Selbstverständnis einnehmen und zweitens beide erläuterungsbedürftig sind, da Anthroposophie offensichtlich keine Wissenschaft im herkömmlichen Sinne und kein Christentum im konventionell-kirchlichen Sinne darstellt. Eröffnet wurde die Tagung mit einem Vortrag von Kritiker-Veteran Jan Badewien mit dem Titel: "Faszination Akasha-Chronik - eine kritische Einführung in die Geisteswelt der Anthroposophie" (für eine Zusammenfassung hier klicken). Der Weltanschauungsbeauftragte der badischen Evangelischen Landeskirche kennt die Texte Steiners lange genug, um sie korrekt referieren zu können. Andererseits gelang es gerade ihm, die Anthroposophie gefühlsmäßig in kurzen, spöttischen Seitenhieben so widerlich erscheinen zu lassen, dass im Abschlussplenum vom Publikum gefragt wurde, wie man am besten gegen diesen gefährlichen Unsinn vorgehen könne. Als er dann bemerkte, dass sich die "Anthroposophie aus dem gesellschaftlichem Diskurs abgemeldet" habe, war ich doch kurz davor öffentlich zu fragen, ob man denn den Versuch unternommen habe, Anthroposophen zu einem Dialog einzuladen, - wohlwissend, dass das nicht der Fall war. Jetzt sind die meisten Beiträge in der Hauszeitung Thomas Gandows "Berliner Dialog" erschienen ohne Dialog. Es folgte der Berliner Theologie Professor Dr. Hartmut Zinser mit einem Vortrag über "Rudolf Steiners Geheim- und Geisteswissenschaft als moderne Esoterik". Zinser griff Steiners Begriff der Wissenschaftlichkeit anhand von Zitaten aus seinem Buch ‹Geheimwissenschaft im Umriss› an. Er hat seine Grundhaltung zur Esoterik schon in der Einleitung der von der Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Behörde für Inneres herausgegebenen und von ihm, Ingolf Christiansen und dem Frontal21-Journalisten Rainer Fromm geschriebenen Broschüre "Brennpunkt Esoterik: Okkultismus, Satanismus, Rechtsradikalismus" deutlich zum Ausdruck gebracht: "Es ist dies der Grundfehler der Esoterik und des Okkultismus, dass er über ein tatsächliches oder angenommenes Unbekanntes Aussagen macht. Wenn immer es möglich ist, diese Aussagen zu überprüfen, stellt sich heraus, dass die esoterischen Aussagen über ein Unbekanntes und Verborgenes falsch, unnötig und irreführend sind." Eine deutliche Position. Pauschaler könnte man Esoterik und Okkultismus kaum verurteilen. (Zum Esoterik Begriff von Goethe und Steiner hier klicken.) Wohltuend an Zinsers Vortrag war der methodische Griff, sich auf Schriften Steiners und nicht auf Mitschriften seiner Vorträge zu berufen. So zitierte er primär aus Steiners "Geheimwissenschaft im Umriss", wie z.B. aus dem ersten Kapitel: "Geheimwissenschaft will die naturwissenschaftliche Forschungsart und Forschungsgesinnung, die auf ihrem Gebiet sich an den Zusammenhang und Verlauf der sinnlichen Tatsachen hält, von dieser besonderen Anwendung loslösen, aber sie in ihrer denkerischen und sonstigen Eigenart festhalten. Sie will über Nichtsinnliches in derselben Art sprechen, wie die Naturwissenschaft über Sinnliches spricht." Damit, so Zinser, werde aber der Wunsch zum Vater des Gedankens. Das sei in keiner Weise mehr Wissenschaft, sondern in der Tat Ergüsse einer wildgewordenen Phantastik, einer Selbstsuggestion, um es mit Worten Steiners aus der Geheimwissenschaft auszudrücken. Steiner unterlege dem erkenntnistheoretischen Grundfehler, nicht hinreichend zwischen Wahrnehmung und Deutung unterschieden zu haben. Dieser Einwand ist so naheliegend, dass ihn sich Steiner in seinem Buche selber macht - und eine Reihe von erkenntnistheoretischen Werken darüber schrieb, die Zinser nicht rezipierte. Die Frage nach Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie wäre aber einen Dialog wert gewesen! Hier geht es um eine Kernfrage der Anthroposophie. In meinem Artikel zur Waldorfpädagogik in der im Schneider Verlag Hohengehren erschienenen Reihe zu Reformpädagogischen Grundkonzepten habe ich die Frage der Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie ins Zentrum gestellt, auch weil der Ansatz Steiners, sich oft dabei auf die mathematische Forschungsmethode zu berufen, weitgehend unbekannt geblieben ist. So etwas kann man aber nicht in einer kurzen Diskussionsphase verständlich in den Raum stellen. So war es besser, ganz zu schweigen, zumal diverse Skeptiker aus dem Publikum auch zu Wort kommen wollten, um u.a. zu beklagen, dass die anthroposophische Haltung in der Medizin tief in das deutsche Gesundheitswesen eingreife, wissenschaftliche haltbare Methoden wie doppelt-blind Versuche aber von ihr abgelehnt werde und dass dieses erschreckend sei und gestoppt werden müsse. Es folgte Prof. Dr. Joachim Ringleben zum Thema: "Über die Christlichkeit der heutigen Christengemeinschaft und der anthroposophischen Weltanschauung". Ringleben begann seinen Expertenvortrag zur Unchristlichkeit der Christengemeinschaft mit der scherzhaft gemeinten Bemerkung: „Diese Christenverfolgung wird 36 Minuten dauern.“ Seine theologischen Erklärungen dürften nur Experten verstanden haben (für eine Zusammenfassung hier klicken). Die als Nachwuchswissenschaftlerin und Rosa-Luxemburg Stipendiatin eingeführte Doktorandin Jana Husmann-Kastein las am Nachmittag in sprachlich bester Diktion über "Schwarz-Weiß-Konstruktionen im Rassebild Rudolf Steiners" vor. Die anwesenden Vertreter der Kirche haben die Ansicht von Jana Husmann-Kastein, rassentheoretisches Denken sei als Säkularisierung (Verweltlichung) religiösen Denkens bei dessen Verwissenschaftlichung aufgetreten, nicht in Frage gestellt (für eine Zusammenfassung hier klicken). Schon am Vormittag war der Eindruck entstanden, dass nach Steiner die Gegenwart «von der ‹arischen Wurzelrasse› dominiert» werde, wie es der Berichterstatter der ‹Süddeutschen Zeitung› vom 25. Juli 2006 formulierte. Die Kritiker wollen Steiner partout einen aus Zitatfetzen aufgebauten, sozial zu ächtenden hierarchischen Rassebegriff unterschieben. Tatsächlich hat Steiner das Wort ‹Arier› aber kaum je in den Mund genommen: Auf den über 89000 Seiten in 300 Bänden der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe kommt der Begriff ‹arische Wurzelrasse› auf genau zehn Seiten vor. Am Nachmittag führte Husmann-Kastein dazu aus, dass Rassenmodelle zwar quantitativ nicht sein Hauptwerk seien, dafür aber strukturell von Bedeutung. Sie ließ allerdings unerwähnt, dass Steiner den aus der Theosophie stammenden Begriff der Wurzel- und Unterrasse nur für wenige Jahre (1904 bis 1907) benutzte und schon 1906 begann, sich von diesem Vokabular zu distanzieren (‹Luzifer-Gnosis› Nr. 32, Sommer 1906, S. 627, abgedruckt in: ‹Aus der Akasha Chronik› (GA 11)). Sie ließ auch unerwähnt, dass Steiner in einem Vortrag vom 4. Dezember 1909 dieses Vokabular rückblickend als «Kinderkrankheit der theosophischen Bewegung» bezeichnete und hinzufügte, «dass der Rassebegriff aufhört, eine jegliche Bedeutung zu haben gerade in unserer Zeit» (‹Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien› (GA 117)). So entstand erst gar nicht die dann übliche Kritiker-Diskussion darüber, ob eine "Umbenennung" in "Kulturepochen" der Vorstellung ihren "rassistischen Charakter" nehme. Es stimmt: Rudolf Steiner hat an aufeinander folgenden "Kulturepochen" festgehalten. Es war auch davon die Rede, dass diese die Waldorfschulen beeinflussen. Es ist richtig, dass Waldorfschüler im Unterricht an die Hochblüte alt-indischer, persischer, ägyptischer, griechischer, römischer und moderner europäischer Kultur herangeführt werden, in jeweils aufeinander folgenden Schuljahren. Wenn im Geographie-Unterricht die Kulturen der Welt behandelt werden, sollten Steiners anthroposophische Ideen aber nicht Inhalt des Unterrichts sein. Sie beeinflussen aber in der Tat die Wahl und Folge des Unterrichtsstoffes. Schließen sie chinesische und afrikanische Kultur aus? Mit Nichten: In dem Buch "Hear the Voice of the Griot! Celebrating Africa in Geography, History and Culture" schildert die in der amerikanischen Waldorflehrerbildung tätige Betty Staley, wie afrikanische Kultur an Waldorfschulen im Unterricht durch Geschichte, Geographie, Sagen, Märchen, Gedichte, Lieder, Spiele und Kochrezepte behandelt werden kann (Staley 1996). Und man sollte sich auch einmal die Frage stellen, wie viel man an Regelschulen über chinesische und afrikanische Kultur lernt. Es war Steiners tiefstes pädagogisches Anliegen, die Welt in ihrer Vielfalt in die Schule hereinzubringen. Wenn das gelingt, sind Waldorfschulen erfolgreich. "Rudolf Steiner kommt in der Waldorfschule nicht vor": dieses vermeintliche Zitat vom Bund der Waldorfschulen hatte Hartmut Zinser in einem Diskussionsbeitrag in die Tagung eingespeist und dazu bemerkt, dass diese Behauptung doch sehr merkwürdig sei, wenn man bedenke, wie man Büsten und Abbilder Steiners an fast jeder Waldorfschule finden könne, sowie Lehrerbibliotheken mit vielen Werken Steiners, wie Andreas Lichte hinzufügte. Die gesammelte Intelligenz der Podiums hat es nicht fertig gebracht, dieses Enigma zu lösen, trotz mehrfacher Wiederholung dieses Satzes im Laufe des Tages. Richtig heißt es natürlich, dass Rudolf Steiner in der Waldorfschule im Unterricht nicht vorkomme! Dass Waldorfpädagogik methodisch auf Anregungen Rudolf Steiners aufbaut ist noch nie in Abrede gestellt worden. Hierzu konnte auch „Waldorfexperte“ Andreas Lichte nichts Erhellendes beitragen. Als letzter Speaker las er - sprachlich schlecht verständlich - Auszüge aus seiner in "Novo" erschienenen Abhandlung "Wundersame Waldorf-Pädagogik oder Atlantis als Bewusstseinszustand" vor, wobei er in seinem "Blick hinter die freundliche Fassade" hauptsächlich von sich selber berichtete. Vor fünf Jahren sei er für ein Jahr vom Arbeitsamt an das Berliner Seminar für Waldorfpädagogik vermittelt worden. Nach wiederholten Auseinandersetzungen sei ihm von der Seminarleitung nahe gelegt worden, die Ausbildung abzubrechen. "Warum schaut man sich einen Horrorfilm bis zu Ende an?", fragte er sich, und entschied sich zum Verbleib, aber "nur noch um zu beobachten". So versuchte er, eine vorbildliche Fassade vorzutäuschen, wohl wissend, dass der Beruf als Waldorflehrer für ihn nicht mehr in Frage käme, die öffentliche Abrechnung aber bevorstünde. Er habe "etwas Verbotenes“ getan, berichtete er weiter, „nämlich ein Buch gelesen, was nur für Eingeweihte bestimmt" sei: Steiners Text "Aus der Akasha Chronik". Es blieb unklar, wie er zu dem Urteil kommen konnte, das dieses Buch "verboten" und "nur für Eingeweihte bestimmt" sei - immerhin handelt es sich um eine Reihe von Aufsätzen, die zu Beginn des Jahrhunderts in einer von Steiner redigierten öffentlichen Zeitschrift erschienen. Lichte hatte als Assistent Gandows die damals abgesagte Tagung organisiert und ist als umtriebiger Motor nicht zu unterschätzen. So berichtete er, wie ihm kürzlich kritische Briefe von Eltern einer Berliner Waldorfschule an die Schulleitung in die Hände fielen. Er habe sie prompt an die Schulaufsicht weitergeleitet und ein Gespräch über Waldorfschulen mit dem Landesschulrat der Senatsschulverwaltung geführt. Rainer Fromm (dessen Text über Anthroposophie in der Neuauflage von Zinsers "Brennpunkt Esoterik“ übrigens getilgt werden musste) habe er mit Schaubildern mit Wörtern wie ‹Affe›, ‹Indianer› und ‹Arier› aus der Rudolf-Steiner-Gesamausgabe Nummer 100 für Frontal21 ausgestattet. Er konnte es auch nicht unterlassen, sie bei der Tagung auf den Overhead Projektor zu legen. Ich hatte ihm im Mai geschrieben, dass ich es als nicht ganz fair betrachte, "bei jeder Gelegenheit die GA 100 den Leuten unter die Nase zu reiben". Denn für die GA 100 gibt es keinerlei stenographische Aufzeichnungen: Die im November 1907 gehaltenen Vorträge wurden aus dem Gedächtnis von vier Teilnehmern 1908 rekonstruiert. Dann hat Marie Steiner das ganze erst 1942 "nach den stark gekürzten Nachschriften bearbeitet und erstmalig herausgegeben" (laut einem Hinweis in GA 100). Nur wenige der über 300 Steiner Bände stehen auf derart wackligen Füßen. Es ist durchaus möglich, dass die - in der Tat ungenießbaren - Schaubilder von den Zuhörern stammen, als sie versuchten, die Vorträge aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Oder von Marie Steiner, aus dem Jahr 1942. Mit dem Text stimmen sie nur sehr begrenzt überein: das Wort "Arier" kommt in dem Text überhaupt nicht vor und das Wort "Indianer" nur auf einer Seite in Bezug zu kultureller Entwicklung. Bei der Tagung wies Andreas Lichte darauf hin, dass diese Zeichnungen unter Steiners Namen in der Gesamtausgabe erschienen sind. Was er nicht erwähnte und vielleicht auch nicht wusste: die Schaubilder sind in der dritten, durchgesehenen Auflage von 2006 nicht wieder mit aufgenommen worden, weil sie zweifelhafter Herkunft sind. Kein anderer als Helmut Zander, auf den in der Tagung häufig Bezug genommen wurde, hat in einer Rezension eines anderen Buches dargestellt, dass die Rudolf Steiner Nachlassverwaltung zu einer kritischen Kommentierung auf hohem Niveau fähig ist: "Die umfangreiche und gehaltvolle Kommentierung [des Bandes "Die Anthroposophie und ihre Gegner"] belegt, dass man sich im Steiner-Archiv aus der werkimmanenten Deutung von Steiners Œuvre löst. Dabei sind auch Steiners Gegner durchweg fair dargestellt, so dass man den Eindruck gewinnt, dass im Dornacher Archiv die Weichen für eine offenere Debatte gestellt werden." Um die Vorträge Steiners richtig einzuordnen, sollte man zumindest zur Kenntnis nehmen, was Steiner über ihre Inhalte sagt. Es ist dieser bislang selten berücksichtigt worden. In seiner Autobiographie »Mein Lebensgang« wertet er die Gedanken seiner Schriften sehr anders als die in seinem Vortragswerk geäußerten: »Die ganz öffentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und arbeitete; in den Privatdrucken [die damals mitstenographierten Vorträge wurden erst ab 1924 öffentlich zugänglich gemacht] ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich höre auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da höre, entsteht die Haltung der Vorträge.« (S. 444) Noch deutlicher drückt er diesen Gedanken in einem Mitglieder-Vortrag vom 13.2.1915 in Stuttgart aus: »Was die äußere, rein materielle Wissenschaft tun kann, dass sie alles über einen Leisten schlägt, das kann beim Spirituellen nicht der Fall sein, und weil ich zu Ihnen so sprechen muss, wie es von mir nicht ein abstrakter wissenschaftlicher Geist fordert, sondern wie es sich in mir belebt, indem ich gerade vor Ihnen stehe. Denn nicht aus meinem Herzen, aus Ihrem Herzen heraus tue ich es, so gut ich es kann. Und dienen möchte ich dem geisteswissenschaftlichen Impuls, der denjenigen, welcher in die geistige Welt etwas hinaufschauen kann, anweist, sich auszuschalten und auszusprechen, was in den Tiefen der Seelen derjenigen liegt, die ihm zuhören. In gewissem Sinne darf gesagt werden: Was ausgesprochen wird in dieser oder jener Betrachtung, es entspringt aus den Tiefen der Seelen der Zuhörer. Denken Sie auch über dieses nach!« (S.52-53) Nimmt man die Beschreibung Steiners ernst, dass man primär in seinem schriftlichen Werk dasjenige findet, woran er "rang und arbeitete" und dass er bei Vorträgen bemüht war, seine eigenen Gedanken "auszuschalten" um dort anzusetzen, was in den "Tiefen der Seelen" seiner Zuhören lebte, sollte, auch unabhängig von der möglichen Fehlerhaftigkeit von Vortragsnachschriften, bei einer Beurteilung Steiners eigenen Geisteshaltung sein schriftliches Werk im Vordergrund stehen. Er spricht in der Tat zu Mitgliedern der Theosophischen und später Anthroposophischen Gesellschaft in einem ganz anderen Duktus als zu Studenten und wiederum völlig anders drückt er sich im Stil und Inhalt vor Arbeitern aus, auch wenn er stets bemüht war, aus dem vorhandenen Bewusstseinsinhalt etwas zu entwickeln, was zur Anthroposophie hinführt. Steiners Vortragswerk müsste somit in einem doppelten Sinn kontextualisiert werden: erstens im Kontext der Vorstellungs- und Lebensformen der Zuhörer und zweitens im Kontext der Vorstellungs- und Lebensformen der damaligen Zeit. Das plumpe Zitieren einzelner Vortragsstellen und das Beurteilen solcher Vortragsstellen von einem moralisch-politischen Standpunkt der Gegenwart heraus stellt keine adäquate Umgangsweise mit dem Werk Steiners dar. Die Kritiker beklagten in der Schlussdiskussion des nur temperaturmäßig erhitzten Hörsaales unisono eine fehlende kritische Auseinandersetzung mit dem Werk Steiners von denjenigen, die damit arbeiten. „Haarsträubende Äußerungen“ würden immer wieder relativiert durch eine "wertimmanente Plausibilisierung". Es reiche auch nicht, immer zu wiederholen, dass es Waldorfschulen in Israel gebe: dadurch würden "der Rassismus und die Rassenlehre im Werk Rudolf Steiners" nicht verschwinden. Am Ende der Tagung wurde gefragt, «warum die Anthroposophie so unheimlich populär» sei. Das Steinersche Modell entlaste einen vom eigenen Denken, meinte Zinser und zeugte damit von einer völligen Unkenntnis vom Umgang mit dem Werk Steiners, da dieses nur unter großen Denkanstrengungen zugänglich wird, - gerade im Gegensatz zur sonst üblichen Esoterik, die er ja für insgesamt "falsch, unnötig und irreführend" hält. Es blieb den Teilnehmern völlig unverständlich, dass (nach Badewien) der frühere deutsche Innenminister Otto Schily in seiner Freizeit am liebsten Steiner lese. Außer Badewien hatten alle Teilnehmer in jahrhundertealter deutscher Hochschulmanier ihre Vorträge Wort für Wort abgelesen, was wiederholt zu Peinlichkeiten wegen falscher Seitenreihenfolge bzw. fehlenden Sätzen führte. Ein hölzernes Denken, passend zu den hölzernen Stuhlreihen des alten Hörsaales des Hauptgebäudes "Unter den Linden" der Humboldt Universität, das sich lediglich mit wenigen Inhalten des Werkes Steiners auseinander setzte und diese ohne inhaltsimmanente Auseinandersetzung ablehnte. Dass Anthroposophie mehr als eine in sich widersprüchliche Lehre von Inhalten sein könnte, die Steiner aus mannigfaltigen historischen Quellen zusammengeklaubt hat, ist für diese Kritiker gar nicht denkbar. Hätte die Tagung im Zeichen des Dialogs gestanden, dann hätte man vortragen können, wie anthroposophisches Denken seinen Quell nicht in irgendwelchen Inhalten, sondern in einer Verlebendigung des Denkens hat, worüber Steiner in seinem Buch ‹Die Philosophie der Freiheit› nach eigener Aussage gewissermaßen Protokoll führte. Dieses Buch sei als Habilitationsschrift in Jena abgelehnt worden, hat Badewien gleich zu Beginn der Tagung bemerkt. Sie wurde auch nicht für das verstanden, was sie ist: ein gewisses Ende des gewöhnlichen philosophischen Denkens und ein Aufschwingen zu einem verlebendigten Denken, welches Tor zu einer neuen Hellsichtigkeit eines aus reinem Willen gezeugten Denkens werden kann. Hier standen die Kritiker wie der Ochs vorm Berg: Von Anthroposophie war zum Schluss alles so gründlich niedergemacht worden, dass aus dem Publikum gefragt wurde, wie man gegen diesen gefährlichen Unsinn konkret agieren könne. Zumal so viele Menschen in Berührung mit anthroposophischen Einrichtungen kämen, von der „freundlichen Fassade“ angezogen. Wenn zum Beispiel die Waldorfschulen staatliche Abschlüsse erteilen, müsse dann nicht von staatlicher Seite eine strenge Aufsicht über die Inhalte ausgeübt werden? Anthroposophie wirke in alle Fächer der Waldorfschule hinein, beklagte daraufhin Lichte, selbst in Fächern wie Mathematik. Als ein Gastdozent in der Waldorflehrerausbildung ‹Perspektive› behandelte meinte Lichte, das würde ihm als Grafiker nahe liegen. Was geschah? Durch die Erfahrungen am Unendlichen wurde man schon wieder an die Anthroposophie herangeführt! Wenn man nicht wisse, dass Anthroposophie in allen Fächern wirke, merke man das aber gar nicht, es hinterlasse aber dennoch Spuren, so Lichte. Damit hat er gar nicht unrecht. Da Anthroposophie erklärtermaßen Grundlage der Waldorfpädagogik ist, sollte es nicht verwundern, dass sie wirksam ist. Die Frage ist nur: Wie? Eben nicht, wie Kritiker so oft vermuten, durch ‹geheime Inhalte›, die subkutan und unbemerkt den Schülern eingeträufelt werden sollen. Nein: Schule als Wissensvermittlung von totem Denken ist etwas anderes als der Versuch, die Welt in ihrer Lebendigkeit in die Schule hineinzunehmen und diese mit dem lebendigen Hunger für Bilder und Gefühle der Schüler seelisch atmend zu verknüpfen. Da wirkt Anthroposophie, nicht als Inhalt, sondern als gelebte Methode aus der Geistesgegenwart des Menschen.Detlef Hardorp
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