It's Gothic. Christliche Fundamentalisten rüsten auf

Der Schauplatz: Die evangelische Tagungsstätte Wildbad Rothenburg. Die Bizarrerie des Schlachtfeldes spiegelt den exzentrischen Charakter der Veranstaltung wieder. Das neuromantische Gebäude, umgeben von altem Baumbestand, das wie eine Filmkulisse aus einer amerikanischen Gothicserie wirkt, durch dessen verschlungene Gewölbegänge der Modergeruch verfaulenden Laubes zieht, eignet sich hervorragend, um im 21. Jahrhundert die ideologischen Schlachten des Reformationszeit und der Glaubenskriege zu reinszenieren. Geschlachtet werden: die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik.

Die Strategie gibt die evangelische Landeskirche Bayern vor, die die 17. apologetische Tagung (November 2004) veranstaltet. Einmal im Jahr kommen in Wildbad Rothenburg die Spezialisten für das nach evangelischer Auffassung Abseitige zusammen und „informieren” das interessierte Publikum. Letztes Jahr beispielsweise war der Satanismus Thema. Die Kirche sieht sich in der Defensive, Apologeten haben etwas zu verteidigen. Sie hat sich aber offensichtlich entschlossen, zum Angriff überzugehen. Zu groß wird der Konkurrenzdruck in Zeiten von PISA-Studien und schwindenden Kirchensteuereinnahmen. Die Zeit der fadenscheinigen Dialogangebote ist vorüber. Es wird wieder für den Glauben gekämpft.

Doch in der Bildungsstätte treten nicht nur die Träger der Definitionsvollmacht über das Sektiererische auf, deren Auftrag verlangt, die von Sekten umstellte und unterwanderte Kirche in permanenter Gefährdung zu imaginieren, sondern auch sogenannte Aussteiger, die einst Apostaten hießen. In ihrem Feldzug schließt die Kirche eine unheilige Allianz mit militanten Atheisten und Rationalisten, für die schon das Wort Gott Anathema ist. Dieser Gruppe lassen sich die beiden „Apostaten” zurechnen, die mit notorischen Aussteigerberichten auftreten: eine traumatisierte „ehemalige Waldorfmutter”, die, von ihrer unbegriffenen Vergangenheit verfolgt, wie ein gehetztes Reh durch ihre Texte irrt, und ein Grafiker, den das Arbeitsamt an ein Waldorfseminar vermittelt hat, der davon Zeugnis ablegt, daß es ihm während eines Jahres nicht gelungen ist, sich auch nur ansatzweise von seinem trivial-aufklärerischen, pseudo-emanzipatorischen  Weltbild zu befreien.

Die Religionssoziologie lehrt: glaube nie einem Aussteiger! Apostaten waren die schlimmsten Verleumder des Christentums, abtrünnige Juden gehörten zu den wütendsten Antisemiten. Aber die Sektenbeauftragten zollen ihnen Beifall, sind ihre Schauergeschichten doch Munition für ihre Musketen. Durch das Forum, das ihnen die evangelische Kirche bietet, werden die Aussteigerberichte zu edlen Wahrheiten geadelt. Hier sind sie, die vier edlen Wahrheiten der neuen Fundamentalisten:

  1. Waldorfpädagogen sind (alle) inkompetent: davon reden sowohl der Grafiker Lichte als auch die „ehemalige Waldorfmutter” Jacob.
  2. Waldorfpädagogik ist autoritär und faschistoid: mit einem Epochenheft aus einer fünften Klasse wedelnd, in dem eine Geschichte über Atlantis und Manu enthalten ist, behauptet Lichte, schon Steiner habe, wie man in seinem Buch »Aus der Akasha-Chronik« nachlesen könne, die Menschheit durch die Waldorferziehung auf einen kommenden Führer vorbereiten wollen, dem sie freiwillig folgen sollte. Sie dienen keinem anderen Ziel, als die Kinder zur Anthroposophie zu erziehen.
  3. Die Anthroposophie ist ein sektiererisches Wahnsystem und eine elitäre Heilslehre: für Jan Badewien, den Sektenbeauftragten der badischen Landeskirche ist die Akasha-Chronik, aus der Steiner seine gesamten Erkenntnisse geschöpft haben soll, eine von H. P. Blavatsky erfundene „Fiktion”. Da der christliche Heilsweg in der Bibel festgelegt ist und in ihr Reinkarnation und Karma keine Rolle spielen, muß die Anthroposophie unchristlich sein. Ja, so Badewien, die Anthroposophie ist „totalitär”, weil ihr allumfassender Heilsanspruch zu nichts als zu Steiner führt.
  4. Steiner ist ein größenwahnsinniger Hochstapler: darüber sind sich alle Referenten einig. Nun weiß man, wogegen man kämpft, wogegen es sich zu kämpfen lohnt.

Der ehemalige Bundesminister Hans Apel hat in seinem Buch »Volkskirche ohne Volk«, in dem er seinen 1999 vollzogenen Austritt aus der evangelischen Kirche begründete, die Umtriebe der Apologeten trefflich beschrieben. Die christlichen Kirchen sehen sich auf dem Markt der Weltanschauungen durch kirchliche Außenseiter und esoterische Sinnvermittler bedrängt. Nach Apels Auffassung ist die Evangelische Kirche in Deutschland selbst für die Erosion ihrer Bedeutung verantwortlich, denn sie vertreibe die spirituell suchenden Menschen, weil sie sich dem säkularen Zeitgeist ergeben habe und ihm ihre Identität als Kirche Christi opfere. Wer nach Gott suche, finde ihn nicht mehr in der Kirche.
Anstatt die Energie nach innen zu wenden und sich um eine Erneuerung des religiösen Lebens zu bemühen, werden jene dämonisiert, die außerhalb der Kirchen das suchen, was sie in ihnen nicht mehr finden. Die Kirchen bedienen sich in ihrem Abwehrkampf der Verleumdungen und Verdächtigungen. Die Evangelische Kirche, so Apel, lege Wert auf Arbeitsteilung. Während prominente Führergestalten wie der Ratspräsident Wolfgang Huber die Bedeutung der kleineren Kirchen akzeptieren und nur sehr allgemein vor „gefährlichen” Entwicklungen warnen, wird die „Drecksarbeit” von anderen geleistet. So beschäftigt die Evangelische Kirche 27 Sektenbeauftragte. Die „Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen” der EKD unterhält fünf weitere Mitarbeiter. Hans Apel spricht gar von „faschistischen Zügen der Sektenjagd”.

Es ist klar, daß die apologetische Arbeit nur bei vollständiger Absenz der Betroffenen funktionieren kann: deswegen werden keine aktiven Waldorflehrer oder Waldorfeltern, keine Vertreter des Bundes der Waldorfschulen, keine Dozenten von staatlich anerkannten Hochschulen für Waldorfpädagogik zu solchen Veranstaltungen eingeladen, denen Gelegenheit geboten würde, aus Sachkenntnis die eigene Sache darzustellen und auf gleicher Augenhöhe zu diskutieren. Hier gibt es kein audiatur et altera pars, keinen Versuch eines Dialogs, nicht einmal im Ansatz: parteiischer kann eine Partei nicht sein. Ankläger und Richter in einer Person, Verurteilung des Angeklagten in absentia.

Ist dies das neue Profil, das sich die evangelische Kirche im Konkurrenzkampf mit den alternativen religiösen Bewegungen oder philosophischen Weltsichten geben will? Ist dies das neue evangelikale Verständnis des Christentums – dieser Botschaft der aktiven Toleranz, der Nächsten- und der Feindesliebe? Diese Fragen müssen umso mehr gestellt werden, als gleichzeitig der Evangelische Oberkichenrat in Stuttgart eine Broschüre über die Gespräche des „Arbeitskreises Anthroposophie und Evangelische Landeskirche” in Württemberg herausgibt, in der der Wunsch geäußert wird, der Dialog mit der Anthroposophie möge weitergehen und die Einsicht zum Ausdruck gebracht wird, daß „der Himmel höher sei als jede Mauer auf Erden”. In dieser Broschüre kommen ein evangelischer Theologe und ein Pfarrer der Christengemeinschaft in einer umfangreichen theologischen Untersuchung zum Ergebnis, es gebe keinen ernsthaften Grund, der Anthroposophie Unchristlichkeit zu attestieren.

Der einzige Lichtblick inmitten der ägyptischen Finsternis, die sich im Wildbad ausgebreitet hat: das Publikum. In den Pausen, in den Wandelgängen und barocken Salons, macht sich der Ärger über Intoleranz und Inkompetenz Luft, werden Zweifel und kritische Nachfragen laut, die sich angesichts der geballten Anathematisierungsmacht der Kirchenautoritäten nicht ins Plenum trauen. Und erstaunlich genug: während sich die Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche in Ausgrenzung, in Dämonisierung üben, ist es ein katholischer Multiprofessor (Franco Rest), der in seinem Gastauftritt daran erinnert, daß man seine Feinde lieben müsse, daß man sie so verstehen müsse, wie sie sich selbst verstehen, ja, daß man sie ehren und – trotz allem Kritisierbaren – als Menschen achten müsse. Aber ach, die katholische Umarmung endet mit dem Exitus der Waldorfseele – wird dieser Pädagogik doch ein wirkliches Menschenverständnis und die Fähigkeit wahrhafter Menschenerziehung abgesprochen – und nachdem der katholische Philosoph nicht versäumte, die Alternativpädagogik als ernsthafte Herausforderung zu loben, gelingt ihm das Kunststück, das Bild einer neuen Pädagogik für das 21. Jahrhundert zu entwerfen, die eine neue und andere sein soll, die aber in all ihren wesentlichen Zügen wie eine Kopie der Waldorfpädagogik erscheint. So fordert er, die neue Pädagogik müsse den Menschen von Anbeginn als Ichwesen betrachten, es als Gedanken Gottes, als seinen Repräsentanten in der Welt sehen, es als schuldfähig und erlösungsbedürftig erkennen und in ihm ein dialogisches Wesen erblicken. Aber das sind, wie gesagt, nicht etwa Grundgedanken der Waldorfpädagogik, sondern nach Rest etwas völlig anderes. Andere katholische Theologen, wie etwa Carlo Willmann, der aber von Rest mit keinem Wort erwähnt wurde, sehen die Waldorfpädagogik als etwas zutiefst christliches, beruhe sie doch auf der Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen, ja mehr noch: die christliche Trinitätslehre ist nach Willmann das anthropologische und methodische Fundament der Waldorfpädagogik. Als jedoch ein Teilnehmer frägt, warum Rest seine eigenen Kinder denn auf die Waldorfschule geschickt habe, äußert dieser seine Dankbarkeit, daß seine Kinder dadurch nicht ihrer Kindheit beraubt worden seien. Wenn doch der Theologe nur mehr bedächte, was der Vater fühlt!

Der teilnehmende Beobachter lehnt sich am Ende zurück und frägt: Was war dies? War es das wilde Heer Wotans, das rasselnd und gespenstisch vorüberzog? Waren es die friedlosen Opfer der Inquisition, der Reformationskriege, die, nach Rache schreiend, durch einen Novemberalbtraum zogen? Nein, es war eine Fortbildungsveranstaltung für bayerische Lehrer an einer evangelischen Tagungsstätte, angekündigt im bayerischen Lehrerkalender, vom bayerischen Kultusministerium finanziell unterstützt.

Lorenzo Ravagli



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Karte der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg