Es ist vielleicht nicht zufällig, daß Rudolf Steiner viele jüdische Lehrer an die ersten Waldorfschulen berief und daß auch viele jüdische Familien ihre Kinder der Waldorfschule anvertrauten. Denn Waldorfpädagogik hatte in einer jüdischen Familie ihren Ursprung, in der Wiener Familie von Pauline und Ladislaus Specht.
Sechs Jahre, von seinem 23. bis zum 29. Lebensjahr, lebte der Begründer der Waldorfpädagogik bei den Spechts als Hauslehrer wie ein Familienmitglied. Er unterrichtete die vier Söhne, insbesondere den jüngsten, der mit seinem Wasserkopf ein schwerer heilpädagogischer Fall war. Dank Steiners Einsatz konnte die Mißbildung fast vollständig überwunden werden. Das als bildungsunfähig eingeschätzte Kind holte seine Entwicklung auf und wurde später Arzt. Durch diese Herausforderung lernte Steiner, "wie Erziehung und Unterricht zu einer Kunst werden müssen". "Da machte ich mein eigentliches Studium in Physiologie und Psychologie durch". So erwarb er die menschenkundlichen Grundlagen der späteren Waldorfpädagogik.
Der Impuls einer pädagogischen Kunst konnte sich nur ausbilden, weil Steiner nicht wie ein distanzierter Angestellter lebte; er ging vollständig in der Familie Specht auf, fuhr mit der weitläufigen jüdischen Verwandtschaft in die Ferien. An Pauline Specht lernte er "den großen Stil der Mutterliebe" und ebenso die nüchterne medizinisch-psychologische Beobachtung. Durch sie lernte er Josef Breuer, den Mitbegründer der Psychoanalyse kennen und in den Gesprächen mit Breuer und Pauline Specht formte sich Steiners Einsicht in das Zusammenspiel von Physiologie und Psychologie, wie es die Waldorfpädagogik kennzeichnet. "Diese Frau dachte in einer gewissen Richtung noch medizinischer als der so bedeutende Arzt [Breuer]. ... Sie steht als bedeutende Erscheinung in meinem Leben darinnen. ... Unter die Dinge, die mir den Fortgang von Wien schwer machten, gehört auch dies, daß ich mich von ihr trennen mußte." (zitiert nach Steiners Autobiographie)
Die pädagogische Idylle im Hause Specht erhielt allerdings einen tragischen Zug durch Steiners radikale Haltung in Ethik und Religionsfragen. Wirkliche, zukünftige Ethik konnte für ihn nur auf freier individueller Erkenntnis beruhen. Gegen die traditionellen Religionsgemeinschaften mit ihren Ethikvorgaben oder die "Gesellschaft für ethische Kultur", die Ethik von Erkenntnisleben abkoppeln wollte, äußerte er sich scharf und polemisch. Christentum und Judentum hatten seiner Meinung nach in der Vergangenheit ihren Wert in der Vorbereitung der Individualethik gehabt. Nun sollten sie sich sobald als möglich in die Individualkultur auflösen: "Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf das im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht erstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf ein Jenseits." Mit einer ähnlichen Attacke gegen das Judentum (siehe taz Artikel) fügte Steiner dem Vater des Hauses, Ladislaus Specht, eine tiefgehende Verletzung zu. Spechts Schmerz und Größe - er beließ Steiner in den engen familiären Verhältnissen - erlebte Steiner mit Anteilnahme und Hochachtung; sein scharfes Urteil milderte er nicht.
Die Wurzeln des Individuums in den Weltkulturen
Aber die radikalen Prinzipien eines philosophischen Schriftstellers ergeben kein pädagogisches Leben. Als sich für Steiner 1919 endlich die praktische Möglichkeit ergab, für die Arbeiterkinder der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik eine Schule neuen Stils einzurichten, nahm er jüdische und christliche Elemente in einem Umfang in den allgemeinbildenden Lehrstoff auf, die unter den namhaften pädagogischen Richtungen ohne Beispiel ist. Die Arbeiterkinder brauchten, um zu autonomen Persönlichkeiten heranzuwachsen, lebendige und tiefgehende kulturelle Wurzeln. Die Geschichte des Gottesvolkes, der historische Einsatz für den Monotheismus ist unabdingbar für die Entstehung der Individualethik. Die Geschichte Moses' und die Bildung des historischen Israel soll für die Kinder der 3. Klasse nicht nur gedanklicher Lehrstoff sein. Das gefühlsmäßige Mitgehen mit dem Stoff, die Identifikation mit den großen Erzählungen, aus denen sich der Kulturkreis gebildet hat, in den die Kinder hineinwachsen, macht die Waldorfpädagogik vom Gegenstand eines abgesonderten konfessionellen Unterrichts zu einem alle verbindenden gemeinsamen Inhalt. Die Kinder - jedenfalls in Europa - sollen auch in andere Erzählungen der asiatisch-europäischen Kulturkreise hineinwachsen. Ähnlich intensiv wie die hebräische Geschichte werden aber nur die griechisch-römischen, die germanischen und die christlich-mittelalterlichen Erzählungen behandelt.
Der auf Europa zugeschnittene Lehrplan reicht aber heute nicht mehr aus. Der Waldorfpädagogik stellen sich zunehmend globale Fragen. Welche Wurzeln braucht die kleine Buyi in einer südafrikanischen Township-Schule; mit welchen Identifikationsangeboten findet die kleine Yoko in Tokyo sich selbst am Besten; was gehört zu einer vertiefenden Persönlichkeitsentwicklung in einer multikulturellen Schule in den USA? Unter den eigenständigen pädagogischen Richtungen erfährt die Waldorfpädagogik die intensivste Nachfrage aus allen Kulturkreisen der Welt. Die Lakota des Pine Ridge Indianerreservats in South Dakota (einer der ärmsten Regionen Nordamerikas) suchten nach einer Pädagogik, die die Persönlichkeiten ihrer Kinder aus den eigenen Wurzeln zu den Kompetenzen des 21. Jahrhunderts zu entwickeln vermochte. Nach jahrzehntelangen Enttäuschungen entstand 1992 der Wolakota Waldorfkindergarten. Der Waldorfschulunterricht wurde im September 1999 mit einer Klasse und einem Lehrer aus den Reihen der Lakota, Reggie Little Killer, aufgenommen.
Waldorfschule ist eine Methodenschule mit weltweiter Verbreitung. Nur Diktaturen jeglicher Art haben die Existenz von Waldorfschulen verhindert.
Von der Nazis zerschlagen - heute weltweit präsent
Anna-Sophia Bäuerle schreibt über ihre Schulzeit an der Berliner Rudolf Steiner Schule in der Nazizeit: »Eines Tages stand Fräulein Duberg, die einzige ältere Lehrerin, vor uns. Schaurig tobte sie los, die große schlanke Gestalt mit dem wehenden weißen Haarbusch - ein unvergeßliches Bild: "Wer hat zu einem meiner Jungen 'du alter Jude' gesagt?" Sie ballte die Fäuste, sie schrie, rannte bedrohlich auf und ab. Uns erstarrte das Blut in den Adern - wie oft habe ich mir sagen müssen: "Was wäre wohl in Deutschland verhindert worden, wenn alle Lehrer so geschrien hätten?"«
Keine Waldorfschule in Deutschland hat den Nationalsozialismus überlebt. Alle Waldorfschulen wurden entweder vom Staat geschlossen oder entschieden sich zu Selbstschließungen, weil Waldorfpädagogik und Nationalsozialismus sich zueinander verhalten wie Feuer zu Wasser.
Als die Lehrer der Berliner Rudolf Steiner Schule z.B. ultimativ aufgefordert wurden, sich einzeln auf den Führer und Reichskanzler zu vereidigen und das Treuegelöbnis zu Adolf Hitler schriftlich zu bestätigen, entschied das Berliner Kollegium, kein Treuegelöbnis zu leisten und die Schule zu schließen. Als "Umschulungskurse" getarnt wurde dann das Verbleiben einiger Schüler ermöglicht, insbesondere von jüdischen Kindern, die großteils vor der Auswanderung eine staatliche Umschulung vermeiden wollten. Im Zuge der Gestapoaktion im Juni 1941 wurde der Berliner Waldorflehrer Erich Weismann aus einer privaten Unterrichtstätigkeit heraus verhaftet. Im Gefängnis am Alexanderplatz traf er dann auf seine zuvor verhafteten Kollegen Ernst Weißert und Lotte Ahr. Auch sie waren gefangengenommen worden wegen "Fortführung einer verbotenen Pädagogik".
Die Waldorfschulbewegung ist heute auf über 800 Schulen angewachsen, 3/4 davon in Europa (einschließlich Ost-Europa). Sie ist damit weltweit mit Abstand die größte von Staat und Kirche unabhängige Schulbewegung. Alle Abschlüsse bis einschließlich Abitur werden an den jeweiligen Waldorfschulen abgelegt. In den USA gibt es über 100 Schulen, viele davon mit einer großen Anzahl von jüdischen Eltern, Schülern und Lehrern. In Israel gibt es drei jüdische Waldorfschulen in Jerusalem, Harduf und Tiv-on.
Zeugnisse von Eltern und Schülern
Michal und Avner Edelstein schicken ihre Kinder seit 10 Jahren auf die Rudolf Steiner Schule in Berlin. Avner Edelstein: "Hier ist uns nie der leiseste Hauch von Antisemitismus begegnet. Bis der Rabbiner Samuel Elmakias auswanderte, hat er drei jüdischen Kindern, darunter auch unserer Schanine, an der Rudolf Steiner Schule jüdischen Religionsunterricht erteilt. Wir haben das organisiert und die Schule hat unsere Initiative begrüßt und unterstützt. Es herrscht hier völlige Toleranz." Edelstein berichtet, man habe ihn jahrelang gebeten, in jeder dritten Klasse Geschichten des alten Testaments auf Hebräisch einzustudieren. "Auf Wunsch der Lehrer kam ich während mehreren Wochen jeden Tag eine halbe Stunde in den Unterricht, mit einem Kippa auf dem Haupt, und übte mit der ganzen Klasse diese Texte ein." Durch die Vorwürfe von Report Mainz fühlt er sich persönlich beleidigt. "Ich wehre mich gegen anonyme Vorwürfe. Bislang wurde kein einziger Vorwurf konkretisiert, geschweige denn bestätigt. Bevor man Vorfälle bekämpft, sollte man sie ausfindig machen." Und in der 8. Klasse hätte seine Tochter Nadine über Kinder in Auschwitz als Jahresarbeit referiert.
An der Rudolf Steiner Schule Berlin hat es öfters jüdische Mitschüler gegeben, darunter auch Evelyn, die Tochter von Heinz Galinski, dem damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. "Alle Schüler mußten einen Religionsunterricht besuchen", berichtet sie heute, "die Rudolf Steiner Schule bestand darauf". Evelyn besuchte den jüdischen Religionsunterricht in der Jüdischen Gemeinde. "Mein Vater hat die Schule für mich auch wegen der großen Toleranz ausgesucht, die an dieser Schule durch die Bank herrschte."
Am ersten Aprilwochenende hat die 8. Klasse der Freien Waldorfschule Kleinmachnow bei Berlin "Anatevka" aufgeführt. Der Diskussionsbedarf der Klasse zu diesem Thema konnte mit Hilfe eines Repräsentanten der Berliner Jüdischen Gemeinde vertieft werden.
Ignaz Bubis hat noch kurz vor seinem Tod außerhalb seines Protokolls einen langen Umweg auf der Didakta-Interschulmesse in Stuttgart gemacht, um den Stand der Waldorfschulen zu besuchen. Dort verweilte er lange, verlieh seiner warmen Sympathie zur Waldorfpädagogik in Anwesenheit der Presse Ausdruck und meinte dann schließlich: wenn er noch einmal die Wahl hätte, würde er seine eigenen Kinder wohl auf die Waldorfschule schicken.
Jüdische Kultur und Religion sind heute in Deutschland (leider) kaum noch bekannt. So ist es auch nicht verwunderlich, daß uralte semitische Stereotypen - wider besserem Wissen - nicht immer mit der angemessenen Entschiedenheit zurückgewiesen werden. Man mache sich nichts vor: auch die etwas überhebliche Selbstverständlichkeit der europäischen konfessionell-christlichen Tradition ist ein latenter Nährboden für einen zumindest unterschwelligen Antisemitismus. Dieser kann nirgendwo prinzipiell ausgeschlossen werden.
Detlef Hardorp, Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg
Steiner zum Judentum und Zionismus
Vertrat der Waldorf-Urvater antisemitische Auffassungen? Er kämpfte für Dreyfus und die Assimilation und engagierte sich im Verein zur Bekämpfung des Antisemitismus, aber er lehnte den Zionismus gänzlich ab. Seine Haltung ergibt sich aus seiner Biographie.
Rudolf Steiner erlebte als Kind das Minderheitenschicksal. Vom 8. Lebensjahr bis zum Ende seiner Schulzeit wuchs er in einem deutschsprachigen Dorf in Ungarn auf. Dessen Bevölkerung wurde "mit derb-stolzem Willen" und "elementarischer Rücksichtslosigkeit" magyarisiert. So wurde das Ideal eines ethnisch homogenen Ungarn durchgesetzt. Dagegen begehrte der Knabe auf.
In dieser Jugenderfahrung wurzelt Steiners Forderung nach strikter Trennung von Staat und Kultur. Weil der Nationalstaat die Mitglieder seiner Nation vorzieht, war er für Steiner überholt und das Ideal des ethnisch homogenen Staates erschien ihm geradezu von Übel. Der Staatsapparat sollte gegenüber Kulturen und Sprachgruppen strikt unparteiisch sein. Aus einem Selbstbestimmungsrecht von Völkern (anstelle von Bevölkerungen) sah er vor allem Kriege, Minderheitsunterdrückungen und zivilisatorischen Verfall hervorgehen, wobei er besonders auf Jugoslawien hinwies.
Aus dieser Grundhaltung hat er sich zu seiner Zeit auch gegen den Zionismus als staatsbildende Idee ausgesprochen und sich für die Integration des Judentums in eine gemeinsame, jedoch differenzierte europäische Kultur eingesetzt. Vertrat Steiner dabei auch antisemitische Auffassungen?
taz Interview mit Evelyn Hecht-Galinski,
ehemalige Waldorfschülerin und Tochter von Heinz Galinski
Den Text des Aufrufes von Frau Hecht-Galinski, der in der Zeit, der Weltwoche, der Frankfurter Allgemeinen, der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung erschien, finden Sie hier.
Der antisemitische Anzug paßt nicht
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Unter dieser Überschrift erschienen acht Leserbriefe in der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung vom 13. April 2000. In der vorherigen Ausgabe vom 30. März hatte eine unter Pseudonym schreibende "Mariette Schäfer" die Vorwürfe der Report-Mainz Sendung unter der Überschrift »Waldorf-Unterricht "rassistisch geprägt?"« fortgesetzt - offensichtlich in enger Tuchfühlung mit den Autoren des Report-Mainz Beitrages. Vermutungen, daß dieser Artikel gar aus der Feder der Ko-autorin des Report-Beitrages floß, wurden bislang nicht dementiert.ß
Kein einziger dieser Leserbriefe bestätigt die Inhalte des Artikels - im Gegenteil. Alle acht Leserbriefe sind hier wiedergegeben.
Darüber hinaus ist am 25. Mai 2000 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift eine Gegendarstellung zu dem ursprünglichen Artikel erschienen.
Zur Einleitung zunächst Auszüge aus einem nicht-abgedruckten Leserbrief von Frau Evelyn Hecht-Galinski an die Allgemeine Jüdische Wochenzeitung.
Nach der Lektüre des Artikels "Waldorfunterricht "rassistisch geprägt"?" vom 30. März bin ich entsetzt darüber, welche Fanatiker in der Jüdischen Allgemeinen schreiben dürfen. Von meinem Vater Heinz Galinski, dem ehemaligen Zentralratsvorsitzenden, habe ich gelernt, so etwas nicht hinzunehmen.
Der Artikel beginnt gleich mit einem Beispiel von Verdächtigungswahn. Die Autorin zitiert aus dem Schulheft eines weniger begabten Schülers: "1942 war die Wannsee-Konferenz. Bei dieser Konferenz wurde die endgültige Vernichtung der Juden durch Arbeit bei unzureichender Ernährung beschlossen. Der Restbestand der Juden wurde durch Gas vernichtet."
Die wenigen Zeilen dieses armen Kerlchens überhäuft die Autorin mit immer wüsteren Verdächtigungen, bis sie am Schluss resümiert, daß "in diesem Geschichtsheft der Holocaust völlig übergangen wird". Hier kann jeder merken, wie es mit den Argumenten steht.
Schwieriger ist es mit dem, was danach kommt. Da werden die Gerüchte kolportiert, die Samuel Althof über antisemitische Vorfälle mit Gewalt gegen Kinder an Waldorfschulen streut. Nachdem Althof das im ARD Report-Mainz behauptet hatte, habe ich ihn angerufen, aber er legte den Hörer auf, weil er mir ausser Verbalangriffen nichts liefern konnte. Und nun lese ich in diesem Artikel, in der Zeitung, die von Paul Spiegel herausgegeben wird, er als Zentralratsvorsitzender könnte die Aussagen von Althof bestätigen, die dieser nicht einmal selbst belegen kann. Mit welcher Sorgfalt und Achtung geht denn Paul Spiegel mit dem Amt um, das ihm anvertraut wurde?
Dann lese ich, dass man es bedenklich findet, wenn die Anthroposophen einen Rabbiner einladen, der sich über Holocaust und Reinkarnation im Zusammenhang mit dem Holocaust Gedanken macht. Ist Juden einzuladen jetzt auch schon antisemitisch?
Ich selber bin nicht religiös, keine Anthroposophin und Esoterik liegt mir schon gar nicht. Aber ich meine man sollte aufpassen, Reinkarnationsgläubige wegen "Verharmlosung des Holocaust" abzustrafen. Der Landesrabbiner von Brandenburg hat vor einigen Tagen zwei Waldorflehrern versichert, dass Reinkarnation von Seelen mit zum jüdischen Gedankengut gehört, auch wenn es nicht im Vordergrund steht.
Es ist wohl auch kein Zufall, dass der diffamierende Artikel genau zusammen mit meiner Anzeige für die "Aktion Solidarität gegen Verunglimpfung der Waldorfpädagogik" erschienen ist. "Mariette Schäfer" soll aufhören, Unwahrheiten ohne konkrete Beweise zu schreiben und Paul Spiegel sollte wieder ein vernünftiges Verhältnis zu den Waldorfschulen herstellen, wie es zu Zeiten meines Vaters bestand.
Nur wenn Tatsachen mit Namen von den Beschuldigten auf dem Tisch liegen, kann man diesen Anschuldigungen nachgehen und Gegenmassnahmen ergreifen. Ich habe schon sehr viele "jüdische Briefe", mit Namen, auf meine Anzeige erhalten, die ich Ihnen auf Wunsch gerne zur Verfügung stelle.
Malsburg-Marzell, den 6.4.2000
Evelyn Hecht-Galinski
Leserbriefe
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 1 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Was Rudolf Steiner dazu veranlaßt haben könnte, die Behauptung aufzustellen, daß es sich beim Judentum um eine Religion handele, die sich längst ausgelebt habe, keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens habe und das Weiterbestehen auch im frühen zwanzigsten Jahrhundert ein Fehler der Weltgeschichte sei, weiß ich allerdings nicht. Man sollte solche Aussagen aber nicht aus dem Kontext reißen. Als Steiner diese Worte sprach, waren die deutschen Juden selbst vielfach der Meinung, daß es für sie besser sei, zum Christentum überzutreten. Die deutschen Juden gehörten zu den assimiliertesten der Welt. Es gab noch keinen Staat Israel, Theodor Herzl, fast gleichalt mit Steiner, galt als ein Träumer, und der Zionismus war eine Angelegenheit einiger fundamentalistischer Juden - auch in Deutschland. Das wunderschöne erste Goetheanum (ab 1913 aus Holz gebaut), in Dornach, Schweiz, wurde durch einen Rechtsradikalen angezündet. Warum hätte er dies tun sollen, wenn Rudolf Steiner im Prinzip ein Gesinnungsgenosse war - zwar etwas spinnert, aber sonst in der Verbohrtheit zuverlässig?! Sie können es drehen und wenden wie sie wollen: der antisemitische Anzug paßt dem Steiner nicht. Das soll nicht heißen, daß es an manchen Waldorfschulen heutzutage auch rechtsradikale Tendenzen geben mag. Aber gilt das nicht für alle Schulen Deutschlands? Ist denn die Gefahr von rechtsradikalem Gedankengut im Unterricht schon minimal, weil ein Lehrer eine "normale" Ausbildung (ohne Eurythmie, ohne Goethe'sche Farbenlehre, ohne Glauben ans Jenseits und an die geistige Seelenverwandtschaft von Okzident und Orient) durchlief? Mitnichten!
Paul Sommer, Berlin
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 2 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Unsere Tochter hat die Freie Waldorfschule in Heilbronn von der ersten Klasse an besucht und im letzten Jahr mit dem Abitur abgeschlossen. Aus diesen dreizehn Jahren ist uns kein antisemitischer Vorfall bekannt, sondern wir können im Gegenteil sagen, daß die Schule unsere Bemühungen, unserer Tochter eine jüdische Erziehung zu geben, immer voll unterstützt hat. Der Religionsunterricht fand zum Beispiel immer nachmittags in Stuttgart statt, was eine Anfahrt von circa einer Stunde bedeutete. Die Schule hat in der Stundenplangestaltung stets Rücksicht auf die eine jüdische Schülerin inmitten von circa fünfunddreißig nichtjüdischen Klassenkameraden genommen, so daß sie immer am Religionsunterricht teilnehmen konnte. Es wurde ihr sogar ermöglicht, als erste und einzige Schülerin, das Fach Religion auch als Abiturfach zu wählen!
Elisabeth Gross, Heilbronn
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 3 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Zu der Diskussion um die Waldorfschulen kann ich nur aus eigener Erfahrung mit der Bonner Waldorfschule berichten: Diese Schule besucht mit ihren Oberstufenklassen regelmäßig Führungen in der Bonner Synagoge, die Schüler und Lehrerin, die mir dabei begegnet sind, sind aufgeschlossene und interessierte Gesprächspartner gewesen. Als im Oktober 98 in Bonn Neo-Nazis aufmarschierten - vor dem jüdischen Friedhof - im Rahmen der Wehrmachtsausstellung, war es die Schülerzeitung der Waldorfschule, die massiv gegen den Rechtenaufmarsch protestierte. Es ist vielleicht doch angebracht, sorgfältiger zu differenzieren.
Leah Rauhut-Brungs, Bonn
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 4 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Ich habe 1988 an einer Waldorfschule in Nordrhein-Westfalen mein Abitur gemacht. Die Prüfung fand im Gebäude der Waldorfschule durch "meine" Lehrer statt. Es waren lediglich "staatliche Beobachter" anwesend, die aber nicht aktiv in die Prüfung eingegriffen haben. Ferner ist es so, daß Waldorfschüler in einem deutlich umfangreicheren Rahmen geprüft werden als Schüler staatlicher Schulen. Unsere Abiturprüfung umfaßte, wenn ich mich recht erinnere, drei oder vier Fächer mehr als die staatlicher Schulen. Ich gehe nicht davon aus, daß sich diese Praxis zwischenzeitlich wesentlich geändert hat.
Martin Stoetzel, Köln
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 5 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Wie Sie selbst im Kasten über Rudolf Steiner festhalten, wurde die erste Waldorfschule schon vor mehr als achtzig Jahren eröffnet. Da wäre es doch interessant gewesen, zu erfahren, daß die neuen Waldorfschulen im damaligen Deutschen Reich zwischen 1938 und 1941 geschlossen wurden und unter den ersten Schulen waren, die nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus im Herbst 1945 wieder unterrichten durften. Es wäre förderlich gewesen, zur Kenntnis zu nehmen, daß die Gestapo Steiners Schriften beschlagnahmte und das einzelne Waldorflehrer ins Gefängnis kamen. Darüber hinaus hätte man berichten können, wie aus den Kreisen rassisch Verfolgter und aus Deutschland geflohener Anthroposophen in England und in den USA die Waldorfpädagogik weiter entwickelt wurde, wie insbesondere die von Karl König gegründete Camphillbewegung die Heilpädagogik segensreich ausübt. Es hätte sich vielleicht auch gelohnt, einmal ehemalige Waldorfschüler nach den Eindrücken zu fragen, die sie auf ihrer Klassenfahrt in Auschwitz empfingen.
Magda Maier, Murrhardt
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 6 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Die von der Autorin berichteten Vorkommnisse an Waldorfschulen sind nicht repräsentativ für diese Schulform. Rudolf Steiner war - wie übrigens die Mehrzahl der deutschen Juden auch - kein Anhänger des Zionismus und favorisierte folglich den Prozeß der Assimilation an die nichtjüdische Umgebung. Der Schwerpunkt seiner frühen Polemiken gegen religiösen Dogmatismus lag überdies nicht auf bestimmten Erscheinungsweisen der zeitgenössischen jüdischen Religion, wie der Beitrag fälschlicherweise nahelegt, sondern auf die Autoritätsabhängigkeit und Offenbarungsgläubigkeit des konfessionellen Christentums. Gerade im Spätwerk Steiners finden sich zudem Äußerungen, in denen dieser auf die geschichtlich notwendige Aufgabe des Diasporajudentums verweist, durch das konsequente Festhalten an einem monotheistischen Gottesbegriff eine Art Gegengewicht zu der einseitigen trinitarischen Auffassung der christlichen Tradition zu schaffen. Was darüber hinaus kaum bekannt ist: Rudolf Steiner engagierte sich bereits frühzeitig im Berliner Verein zur Abwehr des Antisemitismus. Er verfaßte für dessen Mitteilungen sowie für das von ihm herausgegebene Magazin für Literatur eine Reihe von Beiträgen, welche die judenfeindliche Ideologie als "Inferiorität des Geistes" entlarvten und demgegenüber den Primat der menschlichen Individualität betonten.
Ralf Sonnenberg, Berlin
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 7 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Die redundante Übersetzung von She'erit Hapletah in einem Schülerheft, die Sie einleitend zitieren, hätte ich als Geschichtslehrer sicher auch dann angestrichen, wenn ich nachts um zwei noch korrigiert hätte, um die Hefte um acht Uhr zurückzugeben. Aber ich habe auch schon Wichtiges übersehen. Das Wort "Judenbild" im Aufsatzthema hätte ich jedenfalls vermieden! Die Geschichte des 20. Jahrhunderts einschließlich Nationalsozialismus und Shoah gehört nach dem "Lehrplan" der Waldorfschulen in die achte Klasse. Nachdem die Tatsachen also bekannt sind, werden in der neunten Klasse ausgewählte Kapitel wieder aufgenommen, um sie zu hinterfragen und Kausalitäten und Hintergründe zu erarbeiten. Von den Gesprächen landet keineswegs alles im Epochenheft, und am wenigsten von dem, was innerlich bewegt hat. Es bleibt im Gedächtnis. Der Unterricht ist fachübergreifend: Im Literatur und Fremdsprachenunterricht, in der Geographie und andernorts gibt es viele Gelegenheiten, an die Shoah zu erinnern. Eigentliches Thema des Geschichtsunterrichts der neunten Klasse sind "Aufklärung" und "Idealismus", also die Anregung von Eigendenken und die Suche nach selbständigen Wegen, wie es nach dem Horror weitergehen kann. Dazu gehört auch die früheste Erklärung der Menschenrechte in der abendländischen Geschichte: Sie steht in der Thora!
Jürn-Hinrich Volkmann, Berlin
"Der antisemitische Anzug paßt nicht": Leserbrief Nr. 8 in der Allgemeinen Jüdischen Wochenschrift vom 13.4.2000
Als unsere Töchter kindergarten- und schulreif waren, stellte sich die Frage der Wahl einer Schule für uns als Juden in Deutschland nicht: wir meldeten sie bei der Tübinger Freien Waldorfschule an. In der Unterstufe durften sie in der Weihnachtszeit statt Weihnachtsbäume und desgleichen den Chanukka Leuchter in ihr Heft malen und vor den Mitschülern darüber erzählen, worauf sie immer sehr stolz waren. In der Oberstufe erlebten sie einen faktorientierten Geschichtsunterricht. Von Rassismus oder Antisemitismus ist niemals auch nur die kleinste Spur vorhanden gewesen. Der Holocaust wurde ihnen so unmißverständlich dargestellt, daß kein Schüler behaupten konnte, daß das Thema unter den Tisch gefegt wurde. Ich selbst, Lehrerin seit einundzwanzig Jahren in Tübingen, betrachte die Waldorfschule als meine zweite Heimat. Jedes Jahr werde ich gefragt, die Schöpfungsgeschichte der Bibel den Drittklässlern auf Hebräisch beizubringen, die dann zur Freude aller Anwesenden in den Monatsfeiern zu hören ist. Immer wieder werde ich gebeten, Jahresarbeiten zu jüdischen oder israelischen Themen zu betreuen.