Offener Brief 

Berlin, 5. Februar 2006

Sehr geehrter Pfarrer Gandow,

ich hatte gestern das Vergnügen, mit Herrn Lichte in einer RBB-Radiorunde zum Thema Waldorfpädagogik zu sitzen („Zeitpunkte“, „radiokultur“). Sein Part war der des Kritikers, meiner der einer ehemaligen Waldorfschülerin, deren ältestes Kind nun ebenfalls eine Waldorfschule besucht. Wir haben unsere Standpunkte weidlich ausgetauscht, Frau Husmann-Kastein nahm ebenfalls teil. Was den immer wieder geäußerten Rassismus-Vorwurf gegen Steiner und die Anthroposophie angeht, kann ich nur darauf verweisen – wie ich es auch in der Sendung getan habe -, dass ich eine kommentierte, historische-kritische Steiner-Ausgabe sehr begrüßen würde. Ich denke, Rudolf Steiner war ein Kind seiner Zeit, man muss die Protokolle seiner Vorträge und Seminare (denn darum handelt es sich ja im wesentlichen) ganz gewiss auf der Matrix jener Strömungen sehen, die im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert im Schwange waren. Ich bin von Hause aus Historikerin und muss schon deshalb entschieden für eine Historisierung, eine exakte und analytische Auseinandersetzung plädieren. Aber: Was die Waldorfpädagogen heute machen, steht auf einem anderen Blatt. Ich habe niemanden unter ihnen getroffen, der sich – kritiklos, vorbehaltlos, ohne umfassende Würdigung – auf Rudolf Steiner beziehen würde. Ich denke auch, Rudolf Steiner hätte gerade das vehement abgelehnt. Blinde Gefolgschaft war nun keinesfalls das, was er verlangte. Was er wollte, war „Handeln aus Erkenntnis.“ Erkenntnis und Freiheit, das sind für mich die Eckpfeiler der Waldorferziehung – Freiheit im Geiste, in der Seele und im Herzen. Freiheit in diesem Sinne ist kein Affront wider die Aufklärung, sondern geradezu ihr Substrat. Unmündig ist - im Sinne Kants - wer blindlings glaubt. Diese Unmündigkeit kann ich im Kontext der Waldorfpädagogik nirgendwo erkennen.

In diesem Zusammenhang scheint mir, dass der eigentliche Kern Ihrer gegenwärtigen Auseinandersetzungen mit der Waldorfpädagogik ganz anders gelagert ist. Sie stellen die Schulen tendenziell unter Sektenverdacht und sprechen ihnen ab, ein christliches Weltbild zu vertreten. Darf ich Sie fragen, ob die Amtskirchen ein Deutungsmonopol über das haben, was wir christlich nennen oder nicht? Ist es nicht gerade das, was viele Gläubige bewegt, aus den Kirchen auszutreten? Für mich – ich gehöre der katholischen Kirche an - lautet der Kern der christlichen Botschaft: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Nichts anderes ist es, was mich die Waldorfschule im Grundsatz gelehrt hat. Dass ich hin und wieder strauchle, geht nicht auf ihr Konto…

Was die Sekte angeht: Wer bitte ist der Guru (Steiner ist es sicher nicht), wo bitte findet subtile Indoktrination statt (an den Schulen jedenfalls nicht)?  Ist es nicht so, dass umgekehrt Herr Lichte, der sich enttäuscht von der Waldorfpädagogik abgewandt hat und mir nicht abnehmen wollte, „nur“ eine Waldorfmutter zu sein (er kann sich offenbar nicht vorstellen, dass Eltern sich informieren und wissen, was sie tun und wofür sie sich entscheiden), seinerseits ein Feindbild braucht, einen Sündenbock dafür, dass er mit dem Waldorf-Seminar nicht zurecht kam? Ich glaube ihm durchaus, dass dort nicht alles nach seinen Vorstellungen gelaufen ist; es mag durchaus sein, dass er an Lehrer geraten ist, die nicht in der Lage waren, ihm die Sinnhaftigkeit dessen, was sie unterrichten, zu vermitteln. Auch bei Waldorfs haben wir es mit Menschen zu tun, die fehlbar sind. Das dürfte Ihnen nicht fremd sein. Befremdlich aber finde ich, dass Herr Lichte zur Waldorfpädagogik kam wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind – übers Arbeitsamt, das ihm mal eben so eine entsprechende Ausbildung offerierte. So jedenfalls hat er es selbst in einem seiner „Berichte“ notiert. Ich habe es ihm und mir erspart, folgendes coram publico zum Besten zu geben: Wenn ich Schuhe kaufe, und die Verkäuferin sagt –„Nehmen Sie doch einfach das Paar da drüben“ – und ich stelle zuhause fest, dass die Schuhe leider nicht passen, sind dann die Schuhe schuld? Analog verfährt jedenfalls Herr Lichte mit der Waldorfpädagogik. Vollends absurd wird das Ganze, hält man sich Herrn Lichtes Fazit vor Augen. Sein Rekurs auf die im Angesicht der Shoa gängige Verleugnungs- und Verdrängungsphrase: „Aber ich hab’ doch nichts davon gewusst!“, hier bezogen auf die angeblichen Gefahren der Waldorfpädagogik, ist zweifach skandalös. Einerseits, weil hier eine unerträgliche Banalisierung der Shoa stattfindet, andererseits weil – man muss es eigentlich perfide und obszön nennen - eine Nähe der Waldorfpädagogik und der Anthroposophie zur nationalsozialistischen Ideologie, zum Antisemitismus insinuiert wird. Das ist nichts anderes als: subtile Indoktrination. Herr Lichte unterstellt der Waldorfpädagogik, was – genau besehen - sein eigenes Verfahren ist.  

Das alles schriebe ich nicht auf, hätte ich Herrn Lichte nach der Diskussion nicht darauf angesprochen, warum Sie zu der Tagung in der Evangelischen Hochschule eigentlich keine Vertreter der Waldorfpädagogik oder der Anthroposophie eingeladen haben. Er antwortete mir ziemlich unwirsch , dafür gebe es im Tagungsplan nun einmal keinen Platz. Sehr geehrter Pfarrer Gandow, sieht so eine kritische, ausgewogene, eine glaubwürdige Auseinandersetzung aus? Warum bitten Sie keinen Vertreter vom Bund der Freien Waldorfschulen aufs Podium und setzen sich offensiv mit diesem auseinander? Vielleicht können ja beide Seiten sogar etwas voneinander lernen, wäre das so ganz ausgeschlossen? Wenn Sie Ihrer Sache so sicher sind – dann vertrauen Sie doch auf Ihre Argumente, und zwar in der direkten Diskussion! Ich versichere Ihnen, Sie werden kompetente und aufgeschlossene Gesprächspartner finden – anders als Herr Lichte propagiert, sind die Schulen nämlich durchaus transparent, offen für jedermann und interessiert am Dialog. So zumindest habe ich es erlebt, als Schülerin und als Mutter. An allen Schulen gibt es ständig Einführungskurse in die Waldorfpädagogik, gibt es verbindliche Einführungsabende oder -wochenenden für die Eltern künftiger Schüler. Die Eltern werden – das habe ich selbst mehrfach erlebt - ermuntert und aufgefordert, sich zu informieren und zu überlegen, ob ihre Kinder hier richtig aufgehoben sind. Nein, dass die Schulen irgendein Geheimwissen praktizierten, das kann ich aus eigener Anschauung nicht beglaubigen. Nobody is perfect – das gilt sicher auch für die Waldorfbewegung. Aber wer Ausreißer als prototypisch für das ganze System klassifiziert, ist ein Fall für den Nachhilfeunterricht. Nicht nur bei Waldorfs.  

In diesem Sinne seien Sie gegrüßt

Dr. Dorion Weickmann



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Karte der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg