Pressemitteilung der Landesarbeitsgemeinschaft
der Waldorfschulen Berlin-Brandenburg

Rassismus, Gewalt, ideologische Stagnation? Waldorfschulen beziehen Position

Pünktlich zum Sommerloch haben überregionale Zeitungen von „Süddeutsche“ bis „SPIEGEL“ und „taz“ ein neues, altes Schreckgespenst entdeckt - die Anthroposophie und also auch die Waldorfschule. Offenbar, so unser Eindruck, liegt zwischen den Medien, der Öffentlichkeit und den Waldorfschulen kommunikationstechnisch manches im Argen. Mit dieser Pressemitteilung möchten wir zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen.

Drei Vorwürfe sind es, die in regelmäßigen Abständen gegen uns erhoben werden. Sie betreffen

  1. Äußerungen Rudolf Steiners, die als rassistisch klassifiziert werden;
  2. die Lehrerausbildung im Rahmen der Waldorflehrer-Seminare;
  3. die sogenannte elitäre Ausrichtung der Schulen und ihre innere „Versteinerung“.

Im folgenden möchten wir zu allen drei Punkten Stellung beziehen.

  1. Rudolf Steiner, der 1919 die Waldorfpädagogik begründet hat, hat ein voluminöses Gesamtwerk - Texte, Vorträge, Monographien - hinterlassen. Die Gesamtausgabe, die von der Steiner-Nachlassverwaltung in Dornach (Schweiz) herausgegeben wird, umfasst derzeit an die 400 Bände. Innerhalb dieses Oeuvres gibt es einige wenige Passagen, die seit etwa zwanzig Jahren außerhalb anthroposophischer Kreise immer wieder unter Beschuss geraten. Es handelt sich dabei hauptsächlich um die Atlantis-Kapitel der „Akasha-Chronik“ (1904/05), einer metaphysischen Weltgeschichte, sowie um einige Vorträge, vor allem diejenigen, die Rudolf Steiner in den 1920er Jahren vor Bau-arbeitern in Dornach gehalten hat. Grundsätzlich stellen wir fest, dass keine einzige der fraglichen Passagen Unterrichtsinhalt an einer Waldorfschule ist oder von Pädagogen wie vermittelt auch immer an Schüler herangetragen wird. Insofern besteht unsererseits eigentlich keine Veranlassung, hier Position zu beziehen.
    Da jedoch immer wieder der Eindruck erweckt wird, Steiners gesamtes Werk und Weltbild sei von einem diffusen, mehr oder weniger latenten Rassismus infiziert, sehen wir die Gefahr, dass sich allmählich eine Einschätzung verfestigt, die Rudolf Steiner und seinem pädagogischen Erbe schadet und Unrecht tut - der Anthroposophie-Gründer firmiert als verkappter Rassist und die Schulen werden als Stätten subtiler Indoktrination gegeißelt. Die Strategie unserer Kritiker ist verhältnismäßig einfach: Die fragwürdigen Zitate werden aus dem Zusammenhang gerissen und erscheinen dann in der Tat häufig skandalös. Unsere Bitte, den Kontext zu wahren, verhallt regelmäßig ungehört. Zweifellos, das müssen wir inzwischen einräumen, ist es schwierig bis aussichtslos, die Komplexität Steinerscher Darlegungen auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner, eine einfache „Botschaft“ herunter zu brechen. Steiners Referate bieten hermeneutische Spielräume, in denen das Rekonstruieren der eigentlichen, faktischen Aussage selbst zum interpretatorischen Akt wird, der wiederum zu Steiners Gunsten oder Ungunsten ausfallen kann. Mitunter finden sich, gerade in Vorträgen, prima vista widersprüchliche bis unvereinbare Aussagen. So scheint einer der am meisten angegriffenen Vorträge über „Farbe und Menschenrassen“ (März 1923) dem heutigen Leser eine hierarchische Typologie der „Menschenrassen“ nahe zu legen, die freilich nichts anderes als gängige Klischees des beginnenden 20. Jahrhunderts abbildet - der Neger als „Triebmensch“, der Asiate als „Traummensch“, der Europäer als „Kopfmensch“, der Amerikaner als „Tatmensch“; im weiteren Verlauf aber erhebt Steiner hier die kosmopolitische Forderung, dass alle Menschen rund um den Globus einander helfen müssen, und zwar auf Augenhöhe und nicht etwa im Sinne eines Hegemonialverhältnisses, was für seine Zeitgenossen im ausklingenden kolonialen Zeitalter harter Tobak war.
    Gleichwohl - wer Steiners Schriften heute liest, hat die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, hat Auschwitz im Hinterkopf. Er wird über Sätze stolpern, deren Wortwahl und Inhalt er irritierend oder bedenklich findet. Der Begriff „Rasse“, den Steiner mehrfach verwendet, ist vor allem durch das III. Reich vollkommen diskreditiert und hat auch im Rahmen der Humanwissenschaften als definitorische Kategorie ausgedient. Er ist heute ein geistesgeschichtliches Relikt des frühen 20. Jahrhunderts, das mit sozialdarwinistischen, eugenischen und sozialanthropologischen Paradigmen verknüpft bleibt.
    Unter diesem Aspekt lässt sich für die kritisierten Passagen festhalten, dass Rudolf Steiner sich hier begrifflich im Horizont seiner Zeit bewegt und essentialistische Formulierungen wählt, die uns heute befremden mögen; zugleich aber blieben ihm völkische Stereotypen fremd und eine Abwertung von Individuen oder ganzen Ethnien, wie man sie heute in seinen Äußerungen wahrnehmen mag, lag nicht in seiner Absicht - eine Einschätzung, die gerade auch die jüngst erschienene, nicht eben steinerfreundliche Publikation von Helmut Zander über „Anthroposophie in Deutschland“ untermauert. Gleichwohl legen wir Wert auf die Feststellung, dass auch über die Frage der schieren Terminologie hinaus die Äußerungen unseres Gründervaters für uns nicht kommentarlos Gültigkeit besitzen. Dort, wo Rudolf Steiner im Gestus seiner Zeit die Unterschiede zwischen Völkern und Kulturen zu erklären versucht hat, sehen wir heute durchaus argumentative Vereinfachungen und Verallgemeinerungen, die wir nicht als unhinterfragbare Erkenntnisse betrachten können, sondern als historische Denkfiguren problematisieren müssen. In den Unterricht aber ragen, um dies abschließend noch einmal zu betonen, diese Fragen niemals hinein. Für Rassismen jedweder Art ist an unseren Schulen kein Platz. Dies belegt nicht zuletzt die Studie des niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer, der gegen die Pressedarstellungen der jüngsten Zeit protestiert hat, die unsere Schulen als Horte subtiler Gewaltformen gebrandmarkt haben (vgl. die Internetseite des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen: www.kfn.de/home/Waldorfschulen.htm)

  2. Drei Seminaristen des Berliner Waldorflehrerseminars, die mit der Ausbildung unglücklich und unzufrieden waren, haben in den vergangenen Monaten eine mediale Kampagne gegen unsere Ausbildungseinrichtung lanciert, die freilich dem Tenor nach geeignet ist, die Schulen selbst in Verruf zu bringen. Am Lehrerseminar, so der hauptsächliche Vorwurf, werde ausschließlich Rudolf Steiners Werk rezipiert - und das ohne jede Kritik; das Institut bestehe aus buchstäblich „versteinerten“ Anthroposophen, die weder Einwände duldeten noch an einer sachlichen Auseinandersetzung mit den Studenten interessiert seien.
    Mit Ausnahme des Deutschlandradios hat sich erstaunlicherweise keiner der beteiligten Journalisten um eine abgleichende Recherche bemüht. Weder wurde das angegriffene Lehrerseminar noch die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) als Dachorganisation oder deren Sprecher angesprochen, von den attackierten Ausbildungsleitern ganz zu schweigen. Wie auch immer - grundsätzlich stellen wir fest, dass Waldorflehrer, sofern sie wissenschaftliche Fächer unterrichten, eine entsprechende Ausbildung mitbringen müssen, ehe sie das Waldorflehrerseminar durchlaufen. Dieses Seminar macht sie mit den Grundlagen und Spezifika der Waldorfpädagogik ebenso wie mit einigen Basistexten der Anthroposophie vertraut, die um die Entwicklung des Menschen kreisen. Dabei wird auf eine eigenständige Auseinandersetzung mit den dargebotenen Materialien allergrößter Wert gelegt. Nicht das faktische, rein äußerliche Verstehen ist hier entscheidend, sondern die Ausbildung einer inneren Haltung sich selbst wie den späteren Schülern gegenüber. Nach unserer Auffassung entspricht dieser Prozess der Selbsterziehung dem hohen Maß an Verantwortung, das Lehrer in ihrem Berufsalltag erwartet. „Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen“ - diese Maxime Rudolf Steiners ist die Leitlinie der Waldorfpädagogik und unserer Ausbildung. Die Seminaristen sollen ihren Schülern später ein selbstverantwortliches, freiheitliches und eigenständiges Handeln aus innerer Erkenntnis ermöglichen. Eine anthroposophische Ausrichtung der Studenten ist daher weder Voraussetzung noch Ziel des Seminars; grundsätzlich ist es in die Freiheit jedes einzelnen Lehrers gestellt, inwieweit er sich mit der Weltanschauung Rudolf Steiners identifiziert; aus unserer Sicht ist es zwar erstrebenswert, dass er die anthroposophische Grundlage der Pädagogik anerkennt, in jedem Fall aber sollte er sich aufgeschlossen und produktiv mit ihr auseinandersetzen. Die Schulen arbeiten mit den pädagogischen Instrumenten, die Rudolf Steiner umrissen hat. Freilich sind diese Instrumente wie die Ausbildung insgesamt in ständiger Bewegung - anders wären die Schulen nicht ein ganzes Jahrhundert lang an Größe und Zahl gewachsen. (Für weitergehende Informationen vgl. www.lehrer-seminar-berlin.de/waldorfp/www-infoheft.pdf).

  3. Eines der hartnäckigsten Klischees über die Waldorfschule, das auch in diesem Sommer wiederbelebt wurde, ist ihre angeblich elitäre Struktur. Nur reicher Leute Kind, heißt es, sei auf diesen Schulen unterwegs. Tatsächlich stehen die Waldorfschulen begüterten wie finanzschwachen Elternhäusern gleichermaßen offen; das Schulgeld staffelt sich in der Regel nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit der Elternhäuser. Dementsprechend - und dies ist auch erklärtermaßen unsere Absicht - spiegeln die Klassengemeinschaften zumeist die ganze Bandbreite der Gesellschaft. Die einzige Gruppe, die an unseren Schulen tatsächlich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung unterrepräsentiert ist, sind Familien mit Migrationshintergrund. Dieser Umstand erklärt sich aber nicht aus einer diffusen Abschottung unsererseits, sondern vermutlich aus der Tatsache, dass diese Familien seltener den Weg zu uns oder möglicherweise weniger Anknüpfungspunkte an unsere Pädagogik finden.
    Für unsere tägliche Arbeit jedenfalls gilt: Das einzelne Kind und die Klassengemeinschaft als Ganzes stehen im Mittelpunkt aller unserer Überlegungen, und zwar von den ersten Aufnahmegesprächen vor Schulbeginn (die grundsätzlich mit allen Interessenten geführt werden) bis hinauf zum Schulabschluss. Dementsprechend ist - wider alle Unkenrufe der „Versteinerung“ - unsere Pädagogik in stetigem Fluss, in einer permanenten Fort- und Weiterentwicklung begriffen. Auch an dieser Stelle sei noch einmal betont: Es wäre den Waldorfschulen nicht gelungen, an die einhundert Jahre zu überdauern und sich in fast alle Kulturen rund um den Globus auszubreiten, hätten sie sich nicht aus sich selbst heraus ständig erneuert und reformiert und dabei seismographisch auf die Veränderungen und Verschiedenheiten der Welt reagiert. Dass solche Prozesse ohne innere Auseinandersetzungen nicht gelingen, dass Stagnation und Fortschritt einander fortlaufend ablösen, liegt auf der Hand. Gleichwohl wird heute niemand mehr, der es ernst meint mit der Waldorfpädagogik, auf schlichtweg „versteinerte“ Gesprächspartner treffen, die Rudolf Steiner als eine Art Säulen-Heiligen verehren und seine Texte als sakrosanktes Dogma behandeln.

Wir freuen uns über alle interessierten Nachfragen und hoffen auf eine Versachlichung der Debatte jenseits aller Polemik.

Friedrich Ohlendorf (für die Rudolf Steiner Schule Berlin-Dahlem)
Dr. Detlef Hardorp (für die Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen Berlin-Brandenburg)

Kontakt: Tel. 030 83 00 91 32 (Rudolf Steiner Schule Berlin-Dahlem)



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Karte der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg