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Zwei biographische Schlüsselerlebnisse Rudolf Steiners
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![]() Pauline Specht |
![]() Ladislaus Specht |
Sechs Jahre, von seinem 23. bis zum 29. Lebensjahr, lebte der Begründer der Waldorfpädagogik bei den Spechts wie ein Familienmitglied als Hauslehrer der vier Söhne (vgl. auch Heft 112/113 der Beiträge 1994).

Er unterrichtete insbesondere den Jüngsten, Otto, der mit seinem Wasserkopf ein schwerer heilpädagogischer Fall war. Dank Steiners Einsatz konnte die Mißbildung fast vollständig überwunden werden. Das als bildungsunfähig eingeschätzte Kind holte seine Entwicklung auf und wurde später Arzt. An der pädagogischen Herausforderung durch Otto Specht lernte Steiner, "wie Erziehung und Unterricht zu einer Kunst werden müssen" (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. VI, S. 105).
"Diese Erziehungsaufgabe wurde für mich eine reiche Quelle des Lernens. Es eröffnete sich mir durch die Lehrpraxis, die ich anzuwenden hatte, ein Einblick in den Zusammenhang zwischen Geistig-Seelischem und Körperlichem im Menschen. Da machte ich mein eigentliches Studium in Physiologie und Psychologie durch". (ebd. S. 105)
Da hat man den Kern, das Spezifische der Steiner'schen Erziehung: Nicht pädagogische Psychologie, sondern die Beobachtung des Ineinanderspiels von seelisch-geistigen (psychologischen) und leiblichen Prozessen. Rudolf Steiner erwarb die menschenkundlichen Grundlagen der späteren Waldorfpädagogik also in der pädagogischen Praxis.
"Ein ökonomisches Prinzip hatte ich sorgfältig durchzuführen. Ich mußte mich oft für eine halbe Unterrichtsstunde zwei Stunden lang vorbereiten, um den Unterrichtsstoff so zu gestalten, daß ich dann in der geringsten Zeit und mit möglichst wenig Anspannung der geistigen und körperlichen Kräfte ein Höchstmaß der Leistungsfähigkeit des Knaben erreichen konnte. Die Reihenfolge der Unterrichtsfächer mußte sorgfältig erwogen, die ganze Tageseinteilung sachgemäß bestimmt werden." (ebd.S. 105 f.)
So umreißt Steiner sein Studium des Ätherleibes oder "Zeitleibes", die Summe der chronobiologischen Vorgänge im Menschen. Daß Steiner mit seinem Einblick in den Zusammenhang zwischen Geistig-Seelischem und Körperlichem im Menschen der Wirklichkeit auf der Spur war, bestätigte das beeindruckende Ergebnis.
"Ich hatte die Befriedigung, daß der Knabe im Verlaufe von zwei Jahren den Volksschulunterricht nachgeholt hatte und die Reifeprüfung in das Gymnasium bestehen konnte. Auch seine Gesundheitsverhältnisse hatten sich wesentlich gebessert. Die vorhandene Hydrocephalie war in starker Rückbildung begriffen. Ich konnte den Eltern den Vorschlag machen, den Knaben in die öffentliche Schule zu schicken." (edb. S. 106)
Diagnostische Distanz und Kinderspiel
Aus dem sinnlichen und übersinnlichen Studium der Lernphysiologie und psychologie hätte sich noch keine pädagogische Kunst ausbilden können. Dazu war nötig, daß Steiner nicht wie ein distanzierter Angestellter lebte. Er ging vollständig in der Familie Specht auf, fuhr mit der weitläufigen Familienverwandtschaft in die Ferien. Die Familie Specht schenkte ihm ein Lebensklima, in dem er neben angespannten medizinisch-pädagogischen Studien auch völlig loslassen und zum Kind werden konnte, um in einer wichtigen Hinsicht Versäumtes nachzuholen:
"Ich hatte in meinem Leben, bevor ich in diese Familie eintrat, wenig Gelegenheit, an kindlichen Spielen teilzunehmen. Und so kam es, daß meine 'Spielzeit' erst in meine zwanziger Jahre fiel. Ich mußte da auch lernen, wie man spielt. Denn ich mußte das Spielen leiten. Und ich tat es mit großer Befriedigung. Ich glaube sogar, ich habe im Leben nicht weniger gespielt als andere Menschen. Nur habe ich eben dasjenige, was man sonst vor dem zehnten Lebensjahre nach dieser Richtung vollbringt, vom drei- bis achtundzwanzigsten Jahre nachgeholt." (ebd. S. 107 f.)
An Pauline Specht hatte er eine kongeniale Persönlichkeit. Was bei Steiner die Weite im Schwingen zwischen den Polen der diagnostischen Distanz und dem Ausfließen im Kinderspiel war, lebte bei Pauline Specht in den Polen der rückhaltslosen Mutterliebe und dem medizinisch-diagnostischem Blick.
"Man konnte an ihr geradezu den großen Stil der Mutterliebe studieren. In Erziehungsfragen mit ihr zusammenarbeiten, bildete einen schönen Lebensinhalt. [...] [Ihren Söhnen] gegenüber erlebte sie alles mit den stärksten Emotionen ihrer Seele. All dieses, das Seelenleben einer Frau, deren schönste Hingabe an ihre Söhne, das Leben der Familie innerhalb eines weiten Verwandten- und Bekanntenkreises lebte ich mit." (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. XIII, S. 191 f.)
Gleichzeitig wird ihm Pauline Specht in diesem Lebensabschnitt zur wichtigsten Gesprächspartnerin. "Meinen wissenschaftlichen und sonstigen Arbeiten brachte sie die größte Aufmerksamkeit entgegen." (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. XIII, S. 191) Das schließt seine übersinnlichen Untersuchungen mit ein, mit denen er ansonsten ohne jeden Gesprächspartner dastand. Aber sie interessierte sich nicht nur für diese Forschungen, sie war ihm Vorbild darin, auch solche Erfahrungen und Einsichten im Stile der Naturwissenschaft einzuordnen.
"Wenn ich von meinen geistigen Erlebnissen sprach, da hörte sie in einer eigentümlichen Art zu. Ihrem Verstande waren die Dinge zwar sympathisch, aber er behielt einen leisen Zug von Zurückhaltung; ihre Seele aber nahm alles auf. Sie behielt dabei dem Menschenwesen gegenüber eine gewisse naturalistische Anschauung. Die moralische Seelenverfassung dachte sie ganz in Zusammenhang mit der gesunden oder kranken Körperkonstitution. Ich möchte sagen, sie dachte instinktiv über den Menschen medizinisch, wobei dieses eben einen naturalistischen Einschlag hatte. Sich in dieser Richtung mit ihr zu unterhalten, war in höchstem Maße anregend." (ebd. S. 191 f.)
Im Wechselspiel von innigster Mutterliebe bzw. spielendem Einssein mit den Kindern und andererseits medizinisch-diagnostischer Analyse bildet sich hier Steiners Pädagogik, Medizin und Menschenkunde: als Einheit von Theorie und Leben, Forschung und verantworteter Praxis, generellen Einsichten und menschlicher Begegnung.
Pauline Specht war von Jugend an mit jenem Dr. Joseph Breuer befreundet, der mit Sigmund Freud die Psychoanalyse begründete. In Gesprächen zu dritt im Hause Specht tauchte Rudolf Steiner noch einmal tiefer in jene medizinische Betrachtung des Menschen und seiner Lebenserscheinungen ein.
"Dr. Breuer war für mich eine anziehende Persönlichkeit. Die Art, wie er im ärztlichen Berufe drinnen stand, bewunderte ich. Dabei war er auch in anderen Gebieten ein vielseitig interessierter Geist. Er sprach über Shakespeare so, daß man die stärkste Anregung davon empfing. Es war auch interessant, ihn mit seiner durch und durch medizinischen Denkungsart über Ibsen oder gar über Tolstois »Kreuzersonate« sprechen zu hören. Wenn er mit meiner hier geschilderten Freundin, der Mutter der von mir zu erziehenden Kinder, über solche Dinge sprach, war ich oft mit dem stärksten Interesse dabei. Die Psychoanalyse war damals noch nicht geboren; aber die Probleme, die nach dieser Richtung hinzielten, waren schon da. Die hypnotischen Erscheinungen hatten dem medizinischen Denken eine besondere Färbung gegeben. [...] [Pauline Specht] dachte in einer gewissen Richtung noch medizinischer als der so bedeutende Arzt. [...] [Als] bedeutende Erscheinung [steht sie] in meinem Leben darinnen." (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. XIII, S. 195 f.)
Entwicklungsphysiologie als Grundlage der Waldorfpädagogik
Nach 1900 begann Steiner dann über Geisteswissenschaft öffentlich zu sprechen; er veröffentlichte Bücher wie seine "Theosophie" (Steiner 1904, GA 9) und die Aufsatzreihe "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten" (Steiner 1904/05, GA 10). Durch seine Schrift "Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft" (Steiner 1907, in GA 34) und Vorträge an verschiedenen Orten machte er darauf aufmerksam, daß er aufgrund seiner anthroposophisch-geisteswissenschaftlichen Forschung gerne einen Beitrag zur Pädagogik geben würde. Auch für diese erste pädagogische Schrift ist charakteristisch, daß als Grundlage der Erziehung nicht eigentlich eine Entwicklungspsychologie, sondern eine Entwicklungsphysiologie geschildert wird. Man kann auch von einer Entwicklungsanthropologie sprechen (vgl. Kranich 1999). Vier Leiber, der physische Leib, der Lebens- oder Ätherleib, der Empfindungs- oder Astralleib und der Ichleib und ihre natürliche Entwicklung werden hier wie eine Baßlinie vorgestellt, zu der sich der (nicht-leibliche) seelisch-geistige Ich-Impuls jeder einzelnen Individualität als eine eigene Diskant-Stimme in ein kontrapunktisches (d.h. sich gegenseitig beeinflussend und verwandelndes) Verhältnis setzt.
Steiners Schilderung von verschiedenartigen Leibern steht einer phänomenologischen Betrachtung des Menschen nahe. "Hunger" gehört z.B. zu den leiblichen Empfindungen des Menschen. Diese Empfindung ist als solche eine Realität für sich. Sie wird durch gewisse Lebensprozesse der menschlichen Verdauung veranlaßt. Hier liegt aber kein Automatismus vor: durch intensive gedankliche Beschäftigung kann es z.B. vorkommen, daß die Empfindung des Hungers nicht auftritt, obwohl die biologischen Voraussetzungen dafür gegeben sind. Der Hunger wird dann nicht empfunden, weil die Empfindungen des Menschen zeitweise dem Geistigen und nicht dem Körperlichen hingegeben sind. - Die Dynamik ineinanderwebender Empfindungen umschreibt Steiner mit dem Begriff des Empfindungsleibes.
Aus der Phänomenologie heraus, wenn auch aus ganz anderen Voraussetzungen, vertritt Hermann Schmitz (Schmitz 1998) heute einen ähnlichen Leibbegriff. Solche Phänomenologie bereitet der landläufigen materialistischen Weltanschauung auch deswegen immer wieder Schwierigkeiten, weil diese ausschließlich einen stofflichen Leib gelten lassen will (den Körper im Sinne von Schmitz). Obwohl es stoffliche Grundlagen für fast alle Prozesse im Menschen gibt und diese als solche von großer Bedeutung sind, ist ein Reduktionismus auf diese (wie z.B. gehirnphysiologische Prozesse) nicht hilfreich für ein unbefangenes Verständnis des Menschenwesens.
Wer z.B. einmal versucht hat, eine "eingefleischte" Gewohnheit zu ändern, weiß, wie leiblich eine Gewohnheit ist. Das "Fleischliche" der Gewohnheit ist aber kaum stofflich im physischen Leibe zu lokalisieren, sie lebt primär im Kräftegefüge von Zeitabläufen. Sie als in ein Gefüge nichtstofflicher Leiblichkeit eingebettet zu sehen, ist naheliegend, wenn man die phänomenologische Erscheinung des Menschenwesens ernst nimmt und sie nicht durch eine dogmatische materialistisch-reduktionistische Weltanschauung verdrängt. Das Gefüge dieser nichtstofflichen Leiblichkeit nennt Steiner den Äther- oder Lebensleib. Hier fein zu differenzieren, ist für den Pädagogen von großer Bedeutung, fußt doch Lernen und Fähigkeitsausbildung letztlich auf der Umwandlung spontaner seelischer Regungen in habituelle, "eingefleischte" Kenntnisse und Fähigkeiten.
Aufgabe der Erziehung ist es, eine möglichst gesunde leibliche Entwicklung zu ermöglichen, die Grundlage für die spätere höchst individuelle Wirksamkeit jedes einzelnen Menschen-Ich sein kann.
Die in der ersten pädagogischen Schrift Steiners dargelegten Intentionen fanden unter den Theosophen und Anthroposophen zunächst keine Resonanz, und so ließ er das Thema für mehr als ein Jahrzehnt liegen.
III. VOM PRIVATUNTERRICHT ZUR PÄDAGOGISCHEN WELTBEWEGUNG
Privatunterricht
Rudolf Steiner war die meiste Zeit seines Lebens pädagogisch tätig.
"Als ich vierzehn Jahre alt war, mußte ich damit beginnen, Privatunterricht zu geben; fünfzehn Jahre lang, bis zum Beginne meines zweiten in Weimar verbrachten Lebensabschnittes, hielt mich das Schicksal an dieser Betätigung fest. Die Entfaltung der Seelen vieler Menschen im kindlichen und Jugendalter verband sich da mit meiner eigenen Entwicklung." (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. XIII, S. 190)
Schwerpunktsmäßig unterrichtete er auf naturwissenschaftlichem und mathematischem Gebiet in den verschiedenartigsten Situationen, bis in die Vorbereitung des Doktorexamens bei diplomierten Studenten.
"Ich mußte Privatunterricht auf den verschiedensten Gebieten geben. Die «pädagogischen» Situationen, in die ich mich hineinzufinden hatte, waren mannigfaltig genug. So tauchte einmal ein preußischer Offizier in Wien auf, der aus irgend einem Grunde den deutschen Heeresdienst hatte verlassen müssen. Er wollte sich zum Eintritt in das österreichische Heer als Genieoffizier vorbereiten. Durch eine besondere Schicksalsfügung wurde ich sein Lehrer in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern. Ich hatte an diesem «Unterrichten» die tiefste Befriedigung. Denn mein «Schüler» war ein ganz außerordentlich liebenswürdiger Mann, der nach menschlicher Unterhaltung mit mir drängte, wenn wir die mathematischen und mechanischen Entwicklungen hinter uns hatten, die er für seine Vorbereitung brauchte. - Auch in anderen Fällen, so bei absolvierten Studenten, die sich zum Doktorexamen vorbereiteten, mußte ich namentlich die mathematischen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse vermitteln." (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. V, S. 101 f.)
Damit erwarb er sich eine breite Kenntnis der damals an Schulen und Universitäten gängigen Naturwissenschaft.
"Ich hatte durch diese Nötigung, das Naturwissenschaftliche der damaligen Zeit immer wieder durchzuarbeiten, genug Gelegenheit, mich in die Zeitanschauungen auf diesem Gebiete einzuleben. Ich konnte ja im Unterrichten nur diese Zeitanschauungen vermitteln; woran mir am meisten in bezug auf die Natur-Erkenntnis gelegen war, mußte ich still in mir verschlossen tragen." (ebd., S. 102)
Woran war ihm "am meisten in bezug auf die Natur-Erkenntnis gelegen"?
"[Aus dem Studium der Anatomie und der Physiologie kam ich] in meiner Art auf die Goethesche Metamorphosenlehre. Ich wurde immer mehr gewahr, wie das für die Sinne faßbare Naturbild zu dem hindrängt, was mir auf geistige Art anschaubar war. [...] Ich fand damals [vor der Begegnung mit Pauline Specht, Anm. DH] niemanden, zu dem ich von diesen Anschauungen hätte sprechen können. Deutete ich da oder dort etwas von ihnen an, so sah man sie als das Ergebnis einer philosophischen Idee an, während ich doch gewiß war, daß sie sich mir aus einer vorurteilsfreien anatomischen und physiologischen Erfahrungserkenntnis geoffenbart hatten." (ebd. S. 98 u. 100)
Karl Julius Schröer, von dem er schon als 18-jähriger Vorlesungen über deutsche Literatur an der Technischen Hochschule in Wien gehört hatte und der jahrelang einen starken Einfluß auf Steiner ausübte, regte ihn auch auf pädagogischem Gebiet an.
"Meine Betätigung als Privatlehrer, die mir in jener Zeit die einzige Lebensmöglichkeit eröffnete, bewahrte mich vor Einseitigkeit. Ich mußte vieles aus dem Grunde selbst lernen, um es unterrichten zu können. So lebte ich mich in die «Geheimnisse» der Buchhaltung ein, weil ich Gelegenheit fand, gerade auf diesem Gebiete Unterricht zu erteilen. Auch auf dem Gebiete des pädagogischen Denkens kam mir von Schröer die fruchtbarste Anregung. Er hatte als Direktor der evangelischen Schulen in Wien jahrelang gewirkt und seine Erfahrungen in dem liebenswürdigen Büchlein «Unterrichtsfragen» ausgesprochen. Was ich darinnen las, konnte dann mit ihm besprochen werden. Er sprach in Bezug auf Erziehen und Unterrichten oft gegen das bloße Beibringen von Kenntnissen und für die Entwicklung der ganzen, vollen Menschenwesenheit." (ebd. S. 102 f.)
Rudolf Steiner an der Arbeiterbildungsschule von Karl Liebknecht
Nach sieben Jahren am Goethe-Archiv in Weimar kam Rudolf Steiner 1897 im Alter von 36 Jahren nach Berlin, um die Herausgabe der Zeitschrift »Magazin für Literatur« zu übernehmen. Ab 1899 übernahm er an der von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gegründeten Arbeiterbildungsschule den Unterricht in Geschichte und "Rede"übungen (Steiner 1923-25, GA 28, Kap. XXVIII, S. 375 ff). Nach einer 10 bis 12-stündigen Schicht bzw. am Sonntag bekamen hier Arbeiter Gelegenheit sich weiter zu bilden. Steiner hatte zur Bedingung gemacht, Geschichte auf seine Weise vortragen zu dürfen; er war kein Vertreter des "historischen Materialismus".
Steiner avancierte zu dem beliebtesten Lehrer der Schule. Das irritierte zunehmend die Genossen der Schulleitung, und sie versuchten, Steiner loszuwerden. Nach einem öffentlichen Streitgespräch zwischen Steiner und einem der ihrigen im Jahre 1904 stimmten allerdings 348 Arbeiter für den Verbleib von Steiner und nur 12 dagegen. Nach Lindenberg (Lindenberg 1988b S. 16) müssen dort die Worte gefallen sein, die Steiner später oft als typisch für die proletarischen Führer zitiert hat: "Wir wollen nicht Freiheit in der proletarischen Bewegung, wir wollen vernünftigen Zwang!" 1905 gab er seine seit 1899 ununterbrochen ausgeübte Lehrtätigkeit an der Arbeiterbildungsschule wegen des zunehmenden Widerstandes der marxistisch orientierten Schulleitung auf (Lindenberg 1988a, S. 227).
Jahre später hat ein Zeitzeuge Steiners Erscheinung und seine Beziehung zu seinen Zuhörern sehr plastisch in einem undatierten Brief geschildert:
"In meinen jungen Jahren, damals war ich noch mehr bildungshungrig als heute, besuchte ich die Arbeiterbildungsschule. Wir hatten dort einen eigenartigen Lehrer. Ich glaube, er hieß Rudolf Steiner. Das war ein ganz merkwürdiger Mensch. So einen Lehrer habe ich nie wieder gehabt. Eine hagere Gestalt, fast schäbig angezogen. Er trug immer einen alten Gehrock, die Hosen sahen aus wie Korkzieher, viel zu kurz und ebenso abgetragen. Anfangs trug er einen Spitzbart, dann einen Schnurrbart, später ging er bartlos. Sein Bild habe ich noch ganz deutlich vor Augen. Aber alle hingen mit großer Liebe an ihm und ich wäre, wie wohl die meisten, für ihn durchs Feuer gegangen. Was er eigentlich gelehrt hat, ich kann es heute nicht mehr sagen, aber er war von einer Liebe und Güte, wie ich es bei keinem Menschen wieder angetroffen habe. - Sonderbar, ich sprach öfters mit meiner Braut darüber, ob er tatsächlich so arm wäre, denn in der Pause zog er immer eine trockene Schrippe aus der Tasche und aß sie, so eigentlich recht vergnügt, auf. - Aber wenn Ihr denkt, sie hätten ihn in der Pause in Ruhe gelassen, weit gefehlt. Die ganze Bande rückte ihm auf den Leib und des Fragens war kein Ende. Ruhig lächelnd, mit unbeschreiblicher Geduld, antwortete er jedem Frager, während er seine Schrippe aß. - Später kam der Richtungsstreit in der Partei und da wurde er so eigentlich abgedrängt, er ging dann von selbst. Wir haben es alle sehr bedauert und nie habe ich wieder etwas von ihm gehört. In der Zeitung stand vor einiger Zeit mal, ich glaube es war in der Schweiz in Dornach, da soll er gestorben sein." (vgl. Heft 111 der Beiträge 1993, S. 14)
In dieser Zeit - von 1902 bis 1904 - unterrichtete Rudolf Steiner auch eine kleine Klasse an einer "höheren Mädchenschule" in Berlin-Schöneberg. Hierüber ist wenig bekannt. In der einzigen Überlieferung einer Zeitzeugin, eine seiner damaligen Schülerinnen, wird berichtet, daß "er in den Augen eines Berliner Backfisches etwas ärmlich, ja vielleicht etwas unversorgt aus[sah], aber die wunderschönen, strahlenden Augen und das strähnige Haar, das immer wieder energisch zurückgeworfen werden mußte, das alles habe ich nicht vergessen" (Denekamp/Bühler 1979, S. 38). Steiner sei - im Gegensatz zu den anderen Lehrkräften - ständig vor der Klasse auf- und abgelaufen und habe nie zur Disziplin ermahnt: er unterrichtete einfach weiter, und das Interesse am Unterricht sammelte sich immer von selbst.
Die Gründung der ersten Waldorfschule
Der Gründung der ersten Waldorfschule im Jahre 1919 gingen wieder Vorträge vor Arbeitern voraus. Im Rahmen der "Dreigliederungsbewegung" (die anstelle des Einheitsstaates unabhängige Selbstverwaltungsorgane für die Bereiche Kultur, Politik und Wirtschaft forderte) sprach Rudolf Steiner vor den Belegschaften verschiedener Württemberger Werke in Cannstatt, Feuerbach, Obertürkheim, Ludwigsburg, Waiblingen, Heilbronn, Ulm, Tübingen, Reutlingen, Heidenheim, Weilimdorf, Göppingen, Mannheim, Schwenningen und vor allem Stuttgart, wo er vor den Belegschaften der Firmen Daimler, Bosch, Delmonte und der Waldorf-Astoria Zigaretten-Fabrik Vorträge hielt (vgl. Lindenberg 1988a, S. 408). In den Arbeiterversammlungen, die "meist unmittelbar nach Betriebsschluß in Werkskantinen oder anderen Betriebsräumen stattfanden", wurde durchgehend geraucht, "und zwar meist Kastanienblätter oder ein anderes deutsches Laub" (Leinhas 1950, S. 48, zit. nach Schmelzer 1991, S. 154). In einem Vortrag bei Waldorf-Astoria vom 23. April 1919 hatte Rudolf Steiner die Einheitsschule gefordert. Albert Schmelzer schildert die Reaktion in seiner Dissertation "Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz für den Selbstverwaltungsimpuls" (Schmelzer 1991, S. 156):
"Am nächsten Tag kamen einige Arbeiter zu Herbert Hahn [ein Mitarbeiter Steiners], bedankten sich zunächst für die von ihm gegebenen Unterrichtsstunden und fügten dann hinzu: "Aber wir sagen uns auch: für uns ist es schon ein bissel spät, könnten nicht schon unsere Kinder eine Schule bekommen, wo man so viel Lebendiges erfährt?" (Hahn 1969, S. 655) Als diese Bitte ausgesprochen wurde, war sie schon erfüllt. Denn gleich nach dem Vortrag vom 23. April 1919 hatte Emil Molt [Mitbegründer und Teilhaber von Waldorf-Astoria] in einer Betriebsratssitzung den Entschluß zur Gründung einer Waldorfschule bekanntgegeben und Rudolf Steiner um die pädagogische Betreuung gebeten. Der hatte spontan zugesagt. Mit einem gewissen Stolz hatte Molt darauf mitgeteilt, daß der Schule aus dem Reingewinn des Vorjahres 100.000 Mark zur Verfügung stünden und etwas 'belämmert' geschaut, als Steiner darauf reichlich nüchtern und realistisch erwidert hatte: 'Zwar bescheiden, aber wenigstens ein Anfang.' (nach Molt 1925, S. 367) Damit war der Tag des ersten Vortrages vor der Stuttgarter Arbeiterschaft gleichzeitig der "eigentliche Geburtstag der Schule". (Molt 1972, S. 203)"
Dass Steiner spontan zu einem derartigen Projekt zusagen konnte, wird erst vor dem Hintergrund verständlich, daß er jahrzehntelang verschiedenartig pädagogisch tätig gewesen war sowie über die Ansätze einer neuen Pädagogik schon 1907 - damals ohne Widerhall - geschrieben und gesprochen hatte.
In den folgenden Wochen folgten die ersten vorbereitenden Schritte: die Bitte an E.A. Karl Stockmeyer um Mitarbeit sowie ein erstes Sondierungsgespräch mit Kultusminister Heymann. Albert Schmelzer stellt es so dar:
"Am 13. Mai 1919 verhandelten Steiner, Molt und Stockmeyer mit Kultusminister Heymann und seinem Referenten Reinöhl über die rechtlichen Voraussetzungen der Schulgründung. Entscheidend war, daß sowohl in der Frage der Lehrplangestaltung wie in der Frage der Lehrerberufung Lösungen gefunden wurden, die einen relativ großen Spielraum für eine freiheitliche pädagogische Gestaltung ließen. [...] In der Folgezeit wurde Stockmeyer beauftragt, nach Vorschlägen Steiners das Waldorf-Lehrerkollegium zusammenzustellen; er erhielt dazu den Rat, "auf die Reise zu gehen wie ein Theaterdirektor, der sein Ensemble zusammensucht" (zit. nach Husemann und Tautz 1979, S. 48). So kamen zu den pädagogischen Kursen Ende August 17 Lehrerkandidaten zusammen, 12 von ihnen wurden in das erste Waldorf-Kollegium berufen. Von der beruflichen Vorbildung her war der Kreis [...] heterogen: nur wenige hatten eine pädagogische Tätigkeit ausgeübt, die meisten kamen aus künstlerischen und wissenschaftlichen Berufen. Nahezu alle waren mit der Anthroposophie vertraut, doch gab es auch Ausnahmen." (Schmelzer 1991, S. 231 f.)
Weniger als ein halbes Jahr nach ihrer Konzeption nimmt die erste Waldorfschule mit 256 Schülern in 8 Klassen am 7. September 1919 den Betrieb auf. 191 Schüler stammen aus den Familien der Arbeiter und Angestellten von "Waldorf-Astoria", die übrigen 65 großteils aus anthroposophisch orientierten Familien Stuttgarts (vgl. Heft 27/28 der Beiträge 1969, S. 58). Obwohl die Gruppe der Kinder der Werksangehörigen in den Folgejahren abnahm, war ein etwa gleichgewichtiges Miteinander der verschiedenen Schichten bis zum Verbot durch den nationalsozialistischen Kultusminister Mergenthaler am 1.4.1938 zu verzeichnen (Leber 1984, S. 77 f.). Es war explizit ein Anliegen der Dreigliederungsbewegung gewesen, durch die Schaffung einer "Einheitsschule" den "Abgrund zwischen den sozialen Klassen" zu überbrücken (Schmelzer 1991, S. 238).
Die Entwicklung zur weltweiten Schulbewegung
Die Stuttgarter Schule wuchs rasch: nach zwei Jahren hatte sich die Schülerzahl etwa verdoppelt; zum Schuljahr 1926/27 war die Schülerzahl bei 28 Klassen über die Tausend gestiegen. Zugleich entstanden eine Reihe von weiteren Rudolf Steiner-Schulen nach Stuttgarter Vorbild in dieser Zeit: neben der "Freien Neuwachtschule" Schule in Köln und einer kleinen Internatsschule in Dornach für Schüler ab 14 Jahren im Jahre 1921, stellt ein Internat in King's Langley unter Mitwirkung von Rudolf Steiner den Betrieb ab 1922 langsam auf die Waldorfpädagogik um. Im selber Jahr werden die Freie Goethe Schule Wandsbek und die Essener Waldorfschule gegründet. 1923 folgt "De Vrije School" in Den Haag. 1925 beginnt auch "The New School" in London (die 1935 als "Michael Hall School" nach Sussex zieht), im Jahre 1926 nehmen die Rudolf Steiner Schule in Basel, eine gleichnamige in Oslo, die Freie Waldorfschule Hannover und die Kissvábhegyi-iskola (Schule am "Kleinen Schwabenberg") in Budapest den Betrieb auf. Es folgen Zürich und Wynstones, Glos. (1927) und Berlin (1928). In Nürnberg scheitert 1928 eine Gründung am Münchener Kultusministerium, das eine Genehmigung mit der Begrünung verweigerte, es gäbe in "dem bewährten Bayrischen Schulsytem keinen Bedarf an reformerischen Ideen freier Schulträger, insbesondere wenn sie religiös ungebunden seien." (Götte 2000, S. 336) Im Jahre 1929 gründen sich Schulen in New York, Wien, Bergen und Dresden, gefolgt von Breslau und Kassel (1930), Stockholm und Hamburg-Altona (1931) und Zeist und Amsterdam (1933) und Buenos Aires 1934 (nach Deuchert 1985, S. 94, Mattke 1994, S. 64, Leber/Leist S. 346, Götte 2000, S. 273 ff, einer mündlichen Auskunft vom Bond van Vrije Scholen sowie der ersten argentinischen Waldorfschule).
Die Schulen in Köln und Essen scheiterten. Köln mußte schon 1925 wieder schließen (Götte 2000, S. 329 ff), die "unlösbare Dauerkrise" Essen (Götte 2000, S. 348) wurde im Jahre 1936 von der NS-Regierung geschlossen. Die Stuttgarter Waldorfschule hatte sich schon 1931 von der Essener Schule distanziert (Götte 2000, S. 352), nachdem die Gründungspersönlichkeit wiederholt Führungsansprüche im Widerspruch zu einer kollegialen Selbstverwaltung geltend zu machen versuchte.
Wegen fehlender Bereitschaft, mit dem Nationalsozialismus grundsätzliche Kompromisse einzugehen, entschieden sich um das Jahr 1937 die meisten der verbleibenen deutschen Waldorfschulen zur Selbstschließung14. Im Juli 1941 wurden dann die Waldorfschulen in Dresden und Den Haag durch die Gestapo geschlossen, die beiden verbleibenden kleinen Schulen in Zeist und Amsterdamer aber übersehen, so daß diese auch während der Kriegszeit ununterbrochen weiterarbeiten konnten. In Amsterdam spielte dabei mit, daß die dortige Waldorfschule nicht, wie für Waldorfschulen in Holland üblich, "Vrije School", sondern "Geert-Grote-School" hieß (Mattke 1994, S. 44).
Wegen der vernichtenden "Gleichschaltung" jeglicher Kultur durch den Nationalsozialismus haben die ersten Rudolf Steiner-Schulen in England, den Niederlanden, der Schweiz und in Norwegen mehr Betriebsjahre hinter sich als deutsche Waldorfschulen. Nach dem zweiten Weltkrieg fanden dann in Deutschland zahlreiche Wieder- und Neugründungen statt. Ab den 70er Jahren kommt es zu einer regelrechten Explosion von Waldorfschulneugründungen. Das ist sicherlich auch von der Unzufriedenheit vieler Eltern mit Entwicklungen an staatlichen Regelschulen beeinflußt worden. So war z.B. die Waldorfschulbewegung die einzige, die den kläglich gescheiterten staatlich verordneter Großversuch, Schulanfängern in Deutschland Mengenlehre anstelle von Rechnen beizubringen, von Anfang an nicht mitmachte und ihn als pädagogischen Unfug vom Gesichtspunkt der Entwicklung der Erkenntnisfähigkeiten des Kindes darstellte (vgl. Schuberth 1971 sowie Kranich 1969).
An mehrfach im Jahr stattfindenden Delegiertentagungen regen sich deutsche Waldorfschulen mit innovativen Ideen gegenseitig an. Immer wieder ist an einzelnen Waldorfschulen Experimentierfreudigkeit zu verzeichnen - sei es mit mehr projektbezogenem Unterricht, sei es mit einer verstärkten Individualarbeit wie Jahresarbeiten in der 8. und in der 12. (manchmal auch in der 11.) Klasse. Letztere wurden z.B. an der Bochumer Waldorfschule in den 60er Jahren eingeführt und gehören nun seit Jahrzehnten zum festen Bestandteil der meisten deutschen Waldorfschulen. Die Baden-Württembergische Waldorfschule am Engelberg hat 1996 die Klassenlehrerzeit auf 6 Jahre reduziert und eine reformierte Mittelstufe für die Jahrgangsstufen 7, 8 und 9 eingeführt. Die erste Schule mit Informatikunterricht in Berlin war die dortige Rudolf Steiner Schule - in den 50er Jahren. Derselbe Waldorflehrer (Heinz Schupelius) - der kürzlich für seine besonderen pädagogischen Leistungen mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde (vgl. Hardorp 1998 S. 140) - entwickelte dort einen experimentellen Atomphysikunterricht mit einem selbstgebauten Neutronenstrahler in einem alten Waschmaschinengehäuse (mit der Genehmigung des Amtes für Strahlenschutz). Das paßt nicht in das Klischee der Waldorfschule; genau so wenig wie die Tatsache, daß Steiner im Rahmen einer Vortragsserie über eine erweiterte Naturwissenschaft vor Waldorflehrern im Jahre 1920 eine Lichtwirkungsgleichung an die Tafel schrieb, die mit der von Erwin Schrödinger sechs Jahre später veröffentlichten und nach ihm benannten Gleichung mathematisch identisch ist und die Interpretation Feynmans von einer Diffusion mit imaginärer Diffusionskonstante vorwegnimmt (Steiner 12.3.1920, 12. Vortrag, GA 321, S. 184, vgl. auch Hardorp / Pinkall 2000).
Innerhalb des schon charakterisierten Grundduktus' einer anthroposophischen Pädagogik sind der Experimentierfreudigkeit nur durch die Trägheit der Gewöhnung an den Status Quo Grenzen gesetzt. Angaben von Steiner sind Anregungen, mit denen sich der Waldorflehrer auseinandersetzen sollte - aber ggf. auch zu dem Fazit kommt, daß etwas völlig anderes in seiner konkreten Situation angebracht ist. Es wäre z.B. schädlich, die Angabe Rudolf Steiners über die Sitzordnung nach Temperamenten starr umzusetzen (Steiner regt an, Schüler ähnlichen Temperamentes nebeneinander zu setzen, um deren Temperamente aneinander "abzuschleifen"). Waldorflehrer haben auch oft das Gegenteil von Steiners Vorschlag praktiziert oder die Sitzordnung nach ganz anderen Gesichtspunkten vorgenommen. Schon Steiner hatte darauf hingewiesen, daß es sehr selten "reine" Temperamente gäbe: es würden die verschiedenartigsten Mischungen auftreten, die sich zeitlich dynamisch entwickeln (Steiner 22.8.1919, GA 295, S. 30). Wichtig an der Beschäftigung mit Temperamenten ist, daß die Lehrperson die Sozialisierung emotionaler Intelligenz im Blickfeld hat. Das kann auf eine sehr unterrichtspraktische Art geschehen, indem z.B. dem Rechenunterricht hierdurch eine sachgerechte seelische Farbigkeit verliehen wird (Schuberth 1993, S. 40 - 53).
Rudolf Steiner hat betont, daß er mit dem damaligen Württembergischen Schulwesen Kompromisse eingegangen ist, um überhaupt Schule betreiben zu dürfen. Es wäre eine Doktorarbeit wert, die Strukturen der Waldorfschule heute mit der damaligen Württembergischen Schule zu vergleichen; - vielleicht stellt sich heraus, daß einige alte Waldorfzöpfe mit Waldorfpädagogik eigentlich gar nichts zu tun haben und die Signatur einer längst vergessenen staatlichen Schulstruktur tragen. Auch ein Vergleich mit dem österreichischen Schulwesen aus Steiners Jugend könnte von Interesse sein. - Waldorfschulen haben sich strukturell in der Regel denjenigen Ländern angepaßt, in denen sie betrieben werden: in Frankreich z.B. sind Steiner-Schulen Ganztagsschulen, wie dort üblich. Angeregt durch die niederländische Schulstrukturreform wurde die Klassenlehrerzeit an holländischen Waldorfschulen ab dem Schuljahr 2000/2001 von 7 auf 6 Jahre verkürzt und - in Anlehnung an die Konzeption der Waldorfschule am Engelberg und einige der Steiner Schulen in Frankreich - eine spezielle Mittelstufe eingeführt.
Seit Beginn der 80er Jahre finden alle drei Jahre internationale Lehrertagungen im Rahmen der Pädagogischen Sektion am Goetheanum im Schweizer Dornach statt. Beginn der 90er Jahre wurde der European Council of Steiner Waldorf Education ins Leben gerufen, in dem die nationalen Verbände der Steiner- bzw. Waldorfschulen auf Europäischer Ebene zusammenarbeiten. Seit 1976 arbeiten die "Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners" weltweit an der finanziellen Unterstützung von Schulen, Kindergärten und Initiativen der Lehrerbildung, mit einem Schwerpunkt in den ärmeren Teilen der Welt.
Es zeigt sich, daß sich der Waldorfpädagogik zunehmend globale Fragen stellen. Der auf Europa zugeschnittene Lehrplan der Waldorfschulen reicht heute nicht mehr aus. Welche Wurzeln braucht die kleine Buyi in einer südafrikanischen Township-Schule; mit welchen Identifikationsangeboten findet die kleine Yoko in Tokyo sich selbst am besten; was gehört zu einer vertiefenden Persönlichkeitsentwicklung in einer multikulturellen Schule in den USA? Der zivilisatorische Umkreis, aus dem geschöpft wird, wird ständig erweitert. In dem Buch "Hear the Voice of the Griot! Celebrating Africa in Geography, History and Culture" schildert die in der amerikanischen Waldorflehrerbildung tätige Betty Staley wie afrikanische Kultur an Waldorfschulen durch Geschichte, Geographie, Sagen, Märchen, Gedichte, Lieder, Spiele und sogar Kochrezepte behandelt werden kann (Staley 1996).
Unter den eigenständigen pädagogischen Richtungen erfährt die Waldorfpädagogik die intensivste Nachfrage aus allen Kulturkreisen der Welt (vgl. Leber 1997 sowie Freunde der Erziehungskunst 1997 (Video) und 2001). Die Lakota des Pine Ridge Indianerreservats in South Dakota (einer der ärmsten Regionen Nordamerikas) suchten nach einer Pädagogik, die die Persönlichkeit ihrer Kinder aus den eigenen Wurzeln zu den Kompetenzen des 21. Jahrhunderts zu entwickeln vermochte. Nach jahrzehntelangen Enttäuschungen entstand 1992 der Wolakota Waldorfkindergarten. Der Waldorfschulunterricht wurde im September 1999 mit einer Klasse und einem Lehrer aus den Reihen der Lakota, Reggie Little Killer, aufgenommen.
Die Waldorfschulbewegung ist am Anfang des 21. Jahrhunderts auf über 800 Schulen angewachsen, 3/4 davon in Europa (einschließlich Ost-Europa), und davon die Hälfte in Deutschland und den Niederlanden. Sie ist damit weltweit mit Abstand die größte von Staat und Kirche unabhängige Schulbewegung. Neue Steiner Waldorf Schulen entstehen ohne jegliche zentrale Steuerung fast immer aus lokalen Elterninitiativen. Schulen vernetzen sich zwar auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene, bleiben dabei aber völlig autonom.
Darüber hinaus arbeiten weltweit etwa doppelt so viele Kindergärten wie Schulen sowie über 500 heilpädagogische Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage.
Anmerkungen
1. Novalis am 23 Junius 1798 in: Novalis
2. eine Vortragsreihe zur Eröffnung des ersten Goetheanums in Dornach bei Basel im September 1920
3. aus dem Aufsatz »Geometrie und Erfahrung« von Albert Einstein aus dem Jahre 1921, enthalten in: Strubecker 1972, S. 414
4. Wer meint, daß "weiche" Ansätze aus der Kunst doch nicht für die "harte" Wissenschaft etwas hergeben können, verkennt die Tatsache, daß die empirisch beobachtende Wissenschaft nicht aus dem damaligen Universitätsbetrieb, sondern von Künstlern der Renaissance wie Leonardo da Vinci ausgegangen ist. Vgl. Panofsky 1960.
5. Das ist auch Inhalt von Steiners erkenntnistheoretischen Schriften wie "Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung" und "Die Philosophie der Freiheit". Siehe Steiner, GA 2 und Steiner, GA 4
6. Das Anstreben eines "ganz anderen Bildinhaltes" (Steiner 1921, GA 324, S. 48) mit der Seelenverfassung des Mathematisierens beschreibt Rudolf Steiner auch als Grundlage der imaginativen Erkenntnis im dritten und vierten Vortrag der Vortragsreihe "Naturbeobachtung, Mathematik, wissenschaftliches Experiment" (Steiner 1921, GA 324).
7. Der überdurchschnittliche Erfolg deutscher Waldorfschüler bei der Abiturprüfung am Ende der 13. Klasse kann das auch statistisch belegen (vgl. Esterl 1997, S.82).
8. Goethe, im Kommentar der Ausgabe von 1994, S. 888
9. Der katholische Theologe Carlo Willmann hat in seiner ausführlichen Studie "Waldorfpädagogik. Theologische und religionspädagogische Befunde" sehr feinfühlig die spirituell-religiöse Dimension der Waldorfpädagogik herausgearbeitet. Vgl. Willmann 1998.
10. Gemeint ist die erste von drei parallel laufenden Vortragsreihen Steiners vor den Lehrern der ersten Waldorfschule, die oft an Waldorflehrerseminaren studiert wird, die "Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik" (Steiner, GA 293).
11. aus einem unveröffentlichten Vortrag von Ernst-Michael Kranich am 5.11.1998 auf einer Tagung der Pädagogischen Sektion am Goetheanum
12. Goethes naturwissenschaftliche Schriften wurden von Rudolf Steiner 18831897 mit Einleitungen, Fußnoten und Erläuterungen in Joseph Kürschners «Deutsche National-Litteratur» in vier Bänden (eigentlich fünf, da Band 4 zwei Abteilungen hat) herausgegeben: Deutsche National-Litteratur 114.117. Band. Goethes Werke XXXIIIXXXVI, 1, 2, Berlin und Stuttgart o.J. In Band 117, zweite Abteilung, wurden dle «Sprüche in Prosa» aufgenommen.
13. Mit „Verstehen des Verstehbaren ist ein Menschenrecht“ übertitelt die Wagenschein-Webseite www.martin-wagenschein.de/ ihre Homepage. Vgl. auch Heinrich Schirmer: Im Einzelnen aufs Ganze gehen. Martin Wagenschein zum hundertsten Geburtstag. In: Erziehungskunst. Monatsschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, Heft 12, Dezember 1996, S.1310 1320.
14. vgl. auch "Die deutsche Waldorfschulbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus" in diesem Band.
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Dieser Aufsatz ist auch in der Reihe "Basiswissen Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte" in Band 6: "Waldorf-Pädagogik" im Schneider Verlag (Hohengehren) 2002 erschienen (S. 12-52).
Das Kapitel „Phantasie und Esoterik“ wurde später hinzugefügt und ist in der Druckversion nicht erschienen.
Über den Autor: Detlef Hardorp, geb. 1955, Ph.D. (Princeton) in Mathematik, war Mathematiklehrer an Waldorfschulen in Hessen und Bayern, derzeit Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg.