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Das Samenkorn
Anna-Sophia Bäuerle
Wir durften nur in Gruppen von höchstens sechs Schülern unterrichtet werden. Natürlich waren wir stets alle zwölf zusammen. Bis der Tag nahte, auf den wir allerdings vorbereitet waren: der Schulrat kam. Glücklicherweise schaute er zuerst nach den "Kleinen", so konnte das Geübte klappen: Bilder an den Wänden wurden umgedreht oder versteckt, auf den Tischen erschien harmlos dumm das »Geschichtsbuch für die deutsche Jugend«. Kurzerhand wurden sechs von uns abgezählt. Den Ranzen und die Schuhe in der Hand ging's leise, leise auf den Strümpfen die Hintertreppe abwärts - unbemerkt. Ebenso pünktlich und "unschuldig" kehrten wir zur ausgemachten Zeit zurück, um die erste Gruppe abzulösen. Jeder von uns mußte ein kleines Referat über ein nationalsozialistisches Thema halten. Es ging recht und schlecht. Ein Junge, der über die deutsche Luftwaffe berichten sollte, schnitt am besten ab. Welcher Junge kennt keine Flugzeuge? Auf die erstaunte Frage nach dem Woher des tadellosen Wissens kam die prompte Antwort: "Aus der Schule." Unvergessen bleibt mir Weismanns abwärts gesenkter Blick. Sicher hatte er keine Ahnung. 1934 im Sommer: Wir, meine Geschwister und ich, standen zum ersten Mal im Büro der Rudolf Steiner Schule Berlin-Charlottenburg und warteten auf unseren Klassenlehrer. Dieser erregende Tag ist deutlich im Gedächtnis geblieben - auch die junge, frohe, unbeschwerte, geradezu leicht beschwingte Lehrerin Lotte Ahr, die mich so selbstverständlich mit in ihre Klasse nahm. Die anderen Tage und Jahre in der Schule bilden zusammen ein großes Bild voll Wärme und Begeisterung. Samstags brachten wir einfach die Rucksäcke ins Büro; nach dem Klingeln ging's auf große Wanderung. Wir schliefen irgendwo im Stroh, unserer jüdischen Kameraden wegen, denen die Herbergen der "deutschen Jugend" verboten waren. Eigentlich waren wir noch am Montag morgen etwas strapaziert, aber unsere Lehrer verdroß das nicht. Sie gaben einen um so lebendigeren Unterricht. Überhaupt: Langeweile gab es nicht. In keiner Ecke war etwas "Sauertöpfisches" zu entdecken. Phantasie, Improvisation, Begeisterung beherrschten die Szene. Und Moral? Eines Tages stand Fräulein Duberg, die einzige ältere Lehrerin, vor uns. Schaurig tobte sie los, die große schlanke Gestalt mit dem wehenden weißen Haarbusch - ein unvergeßliches Bild: "Wer hat zu einem meiner Jungen 'du alter Jude' gesagt?" Sie ballte die Fäuste, sie schrie, rannte bedrohlich auf und ab. Uns erstarrte das Blut in den Adern. Wie oft habe ich mir sagen müssen: "Was wäre wohl in Deutschland verhindert worden, wenn alle Lehrer so geschrien hätten?" Und dann kam das Unvermeidliche: dieses furchtbare Abschiednehmen im Sommer 1938. Es war die traurigste Veranstaltung in unserer Gemeinschaft. Die Lehrer sprachen zu uns - jeder auf seine Art. Wir nahmen alles durch einen schweren Schleier wahr. Man schaute nach unten. Tränen brauchte niemand zu sehen. War wirklich alles zu Ende? So ganz nun doch nicht. Ein paar Lehrer und wenige Kinder, solche, deren Eltern den Staat nicht fürchteten, wurden noch in kleinen Gruppen weiter "umgeschult". Dem Abbruch vorbestimmte Wohnungen wurden zunächst von uns besiedelt: Charlottenburger Ufer, dann Nähe Ernst-Reuter-Platz und schließlich gegenüber dem Rathaus Charlottenburg. - Frau Ahr unterrichtete ein Klässchen, wie auch Weißert und Weismann - die "Unverwüstlichen" von der alten Garde. Es half aber alles nichts. Da es Krieg war - wir schreiben bereits 1941 - zog unsere Gemeinschaft für kurze Zeit den Fliegerangriffen davon auf die Insel Hiddensee. Die Freude dauerte nicht lange. Ein Polizeiboot landete im Hafen. Erich Weismann wurde mitten aus dem Unterricht abgeholt. Die Situation steht noch deutlich vor mir: Weismann, neben einem kleinen Köfferchen sitzend, an der Landungsstelle, das Motorboot noch angebunden. Er mußte warten. Wir brachten ihm seine Lebensmittelkarten - vielleicht hatte er sie ja noch nötig - und so warteten wir mit ihm. Auf eine weggeworfene alte Schiffskarte schrieb er mir eine Adresse auf, an die ich einen verschlüsselten Brief schreiben sollte mit der Nachricht über das, was ihm geschehen war. Noch sehe ich ihn in das Boot steigen, abfahren, uns stehend zuwinken - während ich die Fahrkarte in der Hand hielt. Auf dieser stand der Name: Hilde Herklotz.
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