Text als PDF-Dokument

Wie christlich sind die Waldorfschulen?

Die christliche Fundierung der Waldorfschulen ist aus der Sicht verschiedener Theologen beider Konfessionen keine Frage. Der katholische Theologe Carlo Willmann hält sie für zutiefst christlich. In seiner Dissertation [1] arbeitet er heraus, dass ihr Menschenbild dem biblischen entspricht, dass sie den Menschen im Sinne des christlichen Schöpfungsverständnisses als Abbild der göttlichen Trinität verstehen, dass Methodik und Lehrplan der Waldorfschulen auf diesem Menschenbild aufgebaut sind. Die evangelischen Theologen Hellmut Haug und Klaus Bannach vertreten aus ihrer Sicht eine vergleichbare Auffassung.

Die Arbeit von Hellmut Haug, die sich wohltuend von manchen Pamphleten abhebt und von großer Sachkenntnis zeugt, wurde vom Evangelischen Oberkirchenrat Baden-Württemberg veröffentlicht. Der Jesuitenpater Bernhard Grom, der katholische Theologe Franco Rest und Weltanschauungs- bzw. Sektenbeauftragte der evangelischen Kirche wie Jan Badewien und Thomas Gandow, sind anderer Auffassung. Sie betrachten das Menschenbild der Waldorfpädagogik als unchristlich und halten die Waldorfpädagogen für Sektierer. Sie werfen ihnen ein pantheistisches Weltbild, Glauben an die Selbsterlösung und ähnliches vor. Auch der von Lessing und Goethe vertretene Reinkarnationsgedanke, der im Menschenbild der Waldorfpädagogik eine gewisse Rolle spielt, wird als unchristlich verworfen, obwohl sie wissen müssten, dass große Theologen, wie  Karl Rahner diesbezüglich anderer Auffassung sind. Darüber hinaus greifen die Sektenbeauftragten neuerdings gerne den von der extremen Linken erfundenen Vorwurf auf, das Menschenverständnis der Waldorfpädagogik enthalte rassistische Elemente.

Was geht die Waldorfschulen und die Eltern, deren Kinder an ihnen unterrichtet werden, der Streit der Theologen an? Müssen sich Schulen, die wegen ihrer vorbildlichen Wirksamkeit für die Rassenintegration auf allen Kontinenten von der UNESCO gewürdigt werden, die in Südafrika zur Zeit der Apartheid bereits gemischte Klassen unterrichteten und die in der Zeit des Nationalsozialismus verboten waren, weil die Machthaber im Menschen- und Weltbild der Waldorfpädagogik das absolute Gegenteil ihrer Rassenideologie sahen, mit solchen Vorwürfen ernsthaft befassen?

Der Streit der Theologen hat eine lange Tradition. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Werk Rudolf Steiners, des Begründers der Waldorfpädagogik, auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt. Schon zu Lebzeiten Rudolf Steiners gab es aber auch zahlreiche katholische und evangelische Befürworter der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Nach dem 2. Weltkrieg, als die wieder zugelassenen Waldorfschulen in Deutschland ihre Arbeit neu aufnahmen, und besonders in den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhundert, als die deutsche Bildungskatastrophe immer mehr Eltern nach alternativen Schulen suchen ließ, wuchs auch das Interesse der evangelischen Sektenbeauftragten an der pädagogischen und weltanschaulichen Konkurrenz.

Für einen Sektenbeauftragten muss alles, womit er sich befasst, Sekte sein, sonst gibt es keinen Grund, dass er sich damit beschäftigt. Wenn sich kirchliche Sektenbeauftragte an die Öffentlichkeit wenden, tun sie dies im Bewusstsein, dass ihr Amt ihrem Wort Gewicht verleiht. Die Öffentlichkeit wird von ihnen scheinbar objektiv informiert. In der weltanschaulichen Profilierung der christlichen Glaubensgemeinschaften schießen sie dabei des Öfteren über das Ziel hinaus. Zuletzt musste der Bundesgerichtshof im Jahr 2003 die mit Sekten- und Weltanschauungsfragen befassten Bediensteten der Kirchen daran erinnern, dass ihnen gesteigerte Sorgfaltspflichten obliegen, wenn sie sich in der Öffentlichkeit zu anderen Weltanschauungen und geistigen Strömungen äußern. Und das Bundesverwaltungsgericht stellte fest, dass öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaften, die allgemein einen erhöhten Einfluss in Staat und Gesellschaft haben und nutzen, in weitergehendem Umfang als jeder Bürger das Persönlichkeitsrecht und die wirtschaftliche Existenz anderer im öffentlichen Meinungskampf zu achten haben. Es wird von ihnen, soweit sie sich in der Ausübung ihres Amtes äußern, ein angemessener Grad an Sorgfalt, Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit verlangt. Auch Waldorfschulen haben Anspruch darauf, dass Sektenbeauftragte die Rechtsordnung beachten.

An Glaubenskämpfen wollen sich Waldorfschulen nicht beteiligen. Sie stehen bewusst jeder Glaubensrichtung offen. Sie sind daher keine Sektenschulen und auch keine Weltanschauungsschulen. Ihre pädagogische Methodik beruht zwar auf dem christlichen Menschenbild, sie legen aber Wert darauf, ihre Schüler nicht in eine bestimme weltanschauliche Richtung hin zu erziehen. Das widerspräche dem pädagogischen Anliegen der Waldorfschulen grundlegend – im Gegensatz zu den konfessionellen Schulen, die sich auch als Missionsschulen verstehen. Dass es vereinzelt zu abweichenden Schwerpunktsetzungen in den Fächern kommt und auch zu einer breiteren Darstellung verschiedener weltanschaulicher Positionen, gehört zum pädagogischen Programm der Waldorfschulen und zeichnet sie aus, insofern sie sich dadurch nicht als festgelegt auf eine bestimmte Anschauung zeigen.

Weder Waldorflehrer noch die von ihnen erzogenen Schüler lehnen die Gesellschaft ab, in der sie leben, sie versuchen vielmehr tatkräftig an ihrer Reform mitzuwirken. Sie führen die Schüler durch Kunst, durch diverse Praktika in Landwirtschaft, in sozialen Einrichtungen und in der Industrie in das Leben der Gesellschaft ein, und beteiligen sich in der vielfältigsten Art am kulturellen und politischen Leben dieser Gesellschaft. Viele der pädagogischen Modelle und Methoden der Waldorfschule sind inzwischen in das allgemeine Schulwesen übernommen worden – ein Prozess, der auch gegenwärtig noch anhält.

Katholische Schüler erhalten an Waldorfschulen katholischen, evangelische evangelischen Religionsunterricht. Sie grenzen die Kirchen nicht aus, sondern suchen die Zusammenarbeit mit ihnen. Es besteht kein vernünftiger Grund, der die Kirchen berechtigen würde, die Waldorfschulen auszugrenzen.

 

Lorenzo Ravagli/Hans-Jürgen Bader


Text als PDF-Dokument



[1] Carlo Willmann, Waldorfpädagogik. Theologische und religionspädagogische Befunde, 2001



[zurück]



Karte der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg