Report-Redakteur Fritz Frey hat sich in der Sendung "Wortwechsel" am 19.3.2000 im SWR 3 eine Stunde mit Paul Spiegel (Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) unterhalten.

Gegen Ende der Sendung spricht Report-Redakteur Frey (der immer noch behauptet, der diffamierende Report-Beitrag über Waldorfschulen sei "sorgfältig recherchiert" worden) Paul Spiegel zu "antisemitischen Vorfällen" an Waldorfschulen an. Es folgt folgender Wortwechsel zu diesem Thema:

Fritz Frey: In der letzten Report-Sendung wurde ein Bericht gegeben von antisemitischen Vorfällen an Waldorfschulen. Sind auch Ihnen derartige Vorfälle bekannt?

Paul Spiegel: Ja. Zunächst einmal: ich habe die Sendung gesehen - und obwohl ich ja ein bisschen sensibilisiert davon bin, weil ja einige sich an mich gewandt haben und mir davon erzählt haben, ohne dass sie wollten, dass es bekannt wurde, wer es mir erzählt hat, bin ich schon sehr sehr erschüttert davon, was ich davon gehört habe. Und nehmen wir mal an, dass nur 50% davon wahr ist, was da geschildert wurde, so glaube ich, muss man hier zumindest mit den Leitern der Schulen mal ernsthaft darüber reden, ob sie nicht meinen, dass man hier eine Änderung schaffen soll.

Fritz Frey: Hatten Sie schon vor Report davon gehört?

Paul Spiegel: Ich hatte davon gehört, aber wie gesagt, ich konnte da nicht aktiv werden, weil das Eltern mir sagten - aber bitte, erwähn nicht unsere Namen; - und da kann man ja nicht aktiv werden.

Fritz Frey: Können Sie sagen, wie weit das zurück reicht?

Paul Spiegel: Ja, so ungefähr ein bis anderthalb Jahre. Aus verschiedenen Städten wurde mir das gesagt.

Fritz Frey: Was werden Sie also tun?

Paul Spiegel: Wir werden versuchen, da noch weiter zu recherchieren, um noch mehr Fakten zu erhalten. Denn nur mit Fakten können wir arbeiten und aktiv werden.

Fritz Frey: Also Sie bleiben auf jeden Fall an dem Thema dran?

Paul Spiegel: Ja, wir werden dran bleiben.

 

Landesarbeitsgemeinschaft der Waldorfschulen
in Berlin-Brandenburg

Der Bildungspolitische Sprecher


Berlin, 20. März 2000

An Herrn Paul Spiegel, persönlich
Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland

Betrifft: "Denn nur mit Fakten können wir arbeiten und aktiv werden"

Sehr geehrter Herr Spiegel,

Ihrem im Betreff zitierten Satz schließe ich mich voll an.

Wir haben bis heute keinerlei konkrete Hinweise auf antisemitische Vorfälle an Waldorfschulen bekommen. Sollte es diese tatsächlich geben, würden wir diese auf's energischste verurteilen und alle nur denkbaren Konsequenzen daraus ziehen. Gerade an einer Schule darf so etwas nicht vorkommen, schon gar nicht an einer Waldorfschule, die seit über 80 Jahren der Toleranz gegenüber allen Menschen verpflichtet ist. Wir fordern Sie auf, uns über die vermeintlichen Vorfälle aufzuklären. Denn wir können - bei über 170 Waldorfschule in Deutschland - nicht aktiv werden, wenn wir nicht einmal leise Anhaltspunkte haben, an welchen Schulen es antisemitische Vorfälle gegeben haben sollte.

Ich war auch erschüttert über den Magazin Bericht. Meine Erschütterung habe ich in einem Kommentar zum Ausdruck gebracht, den ich Ihnen im Anhang zukommen lasse.

Wenn irgend etwas von den Vorwürfen wahr sein sollte, muß selbstverständlich sofort eine Änderung herbeigeführt werden. Es gibt allerdings gute Gründe zu bezweifeln, daß es die antisemitischen Vorfälle überhaupt gibt. Samuel Althof führt aus Basel seit bald zwei Jahren einen unlauteren Kleinkrieg gegen Anthroposophie und Waldorfschulen. Es wäre sicherlich nicht angebracht, wenn der Zentralrat der Juden in Deutschland - ohne Kenntnis des konkreten Sachverhalts - von Althof instrumentalisiert werden würde.

Der Präsident der Zionistischen Vereinigung in Basel, David Schweizer, kennt sowohl Althof und seine Hintergründe sowie die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik, und wäre sicherlich bereit, mit Ihnen darüber zu sprechen..

Spannungen und Verwerfungen zwischen Eltern und Schulen gibt es überall, auch an Waldorfschulen. Diese können selbstverständlich auch zwischen jüdischen Eltern und einer Schule auftreten. Es braucht aber etwas mehr, um als antisemitischer Vorfall gelten zu können. Letztere sind uns nicht bekannt. Entweder es gibt sie - dann sollte sofort eingegriffen werden; oder es gibt sie nicht - und die gesamte Waldorfbewegung ist auf übelste Weise unberechtigt diffamiert worden. Wenn sich die öffentliche Meinung erst einmal geformt hat, bekommt sie ein Eigenleben, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, daß die Vorwürfe nicht haltbar sind.

Wenn Sie in Berlin sind, laden wir Sie auch gerne an eine unserer acht Berliner Waldorfschulen ein und stehen Ihnen selbstverständlich jederzeit zu einem Gespräch, Nachfragen, oder einer sonstigen vollen Kooperation zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüssen,

Dr. Detlef Hardorp

 

Bund der Freien Waldorfschulen


Waldorfschulen empört über unbewiesene Hinweise
auf antisemitische Übergriffe

Offener Brief an den
Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland
Paul Spiegel


Stuttgart, 20. März 2000


Sehr geehrter Herr Spiegel!

Nachdem unsere Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen bereits durch eine kürzlich ausgestrahlte Fernsehmagazin-Sendung, in der Waldorfschulen ohne jeden konkreten Nachweis antisemitisches Verhalten vorgeworfen wurde, erheblich verunsichert und z.T. auch öffentlich diffamiert wurden, sehen wir in Ihren jüngsten diesbezüglichen Äußerungen eine weitere, kaum verantwortbare Streuung diffuser und schädigender Vorwürfe dieser Art.

Niemand sollte besser als Sie wissen, auf welchem berechtigterweise sensiblen Terrain diese vermeintlichen Vorfälle, von denen Sie gehört haben, angesiedelt sind, wie schwer eine sachliche Aufklärung in diesen Dingen nachträglich gegen eine vorangegangene Empörung anwirken kann.

Der Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen hat die Mitgliedschulen befragt und keine Bestätigung von Vorgängen erhalten, die antisemitisch genannt werden könnten. Es schließen sich derzeit jüdische Waldorf-Eltern zusammen, um sich ihrerseits gegen die ungeheuerlichen Vorwürfe Samuel Althofs gegen die Schulen ihrer Kinder zu wehren.

Wir möchten Sie dringend auffordern, "Ross und Reiter" zu nennen. Es ist selbstverständlich, dass wir ein gemeinsames Interesse an der Beseitigung derartiger Vermutungen haben.

Als eine Schulbewegung, die 1935 als "...eine Gefahr für echte deutsche Bildung..." eingeschätzt und verboten wurde, in die Heinz Galinski, der Mitbegründer des Zentralrats der Juden in Deutschland, seine Tochter schickte, die Schulen in allen Teilen der Welt auch in Israel hat, verwahren wir uns nachdrücklich gegen alle Versuche, uns mit unbewiesenen Behauptungen als antisemitisch zu diffamieren.

Ihre Antwort oder ein Gesprächsangebot erwartend grüßen wir

Hochachtungsvoll

Für den Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen

Walter Hiller

 

english version here

Evelyn Hecht-Galinski

AKTION SOLIDARITÄT GEGEN VERUNGLIMPFUNG DER WALDORFPÄDAGOGIK

AUFRUF ZUR SOLIDARITÄT GEGEN GEZIELTE DIFFAMIERUNGEN UND VERLEUMDUNGEN DER WALDORFSCHULEN.

DIESE ALS RASSISTISCH UND ANTISEMITISCH ZU VERUNGLIMPFEN IST MIR UNERTRÄGLICH! ICH ALS EHEMALIGE BERLINER WALDORFSCHÜLERIN UND TOCHTER EINES AUSCHWITZ-ÜBERLEBENDEN UND LANGJÄHRIGEN VORSITZEN-DEN DES ZENTRALRATS DER JUDEN IN DEUTSCHLAND, DER MICH SEHR BEWUSST UND WOHLÜBERLEGT AUF DIE WALDORFSCHULE SCHICKTE, RUFE ALLE EHEMALIGEN UND HEUTIGEN SCHÜLER/INNEN UND ELTERN JÜDISCHEN GLAUBENS AUF, SICH BEI MIR ZU MELDEN UND ÜBER IHRE ERFAHRUNGEN ZU BERICHTEN. ICH SELBST HABE NUR GUTE ERFAHRUNGEN IN MEINER SCHULZEIT GEMACHT: LIBERAL, ANTIRASSISTISCH, JEDE GLAUBENSRICHTUNG TOLERIEREND UND NICHT MISSIONIEREND.

NICHT UMSONST WAREN DIE WALDORFSCHULEN IN DER NAZIZEIT VERBOTEN! UM SO SCHLIMMER, JETZT ALSO DIE WALDORFSCHULEN VERBAL ZU DIFFAMIEREN OHNE KONKRETE BEWEISE UND NAMEN, Z.B. DURCH REPORT MAINZ, SAMUEL ALTHOF (BASEL).

BITTE SCHREIBEN SIE AN MICH:

EVELYN HECHT-GALINSKI
HÜRRNENWEG 28
D-79429 MALSBURG-MARZELL



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Karte der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg