Von der Waldorfschule in Capetown wurde noch vor der offiziellen Überwindung der Rassentrennung das Recht erkämpft, in gemischten Klassen zu unterrichten. Als einmal ein Klassenausflug anstand, musste deswegen ein eigener Eisenbahnwagen zwischen die Wagen für die weißen Fahrgäste und die Wagen für die schwarzen Fahrgäste gehängt werden. Auf der Hinfahrt wurde dieser gemischte Wagen vorn und hinten abgeschlossen; als aber auf der Rückfahrt das Abschließen vergessen wurde und sich einige derjenigen Fahrgäste, die den ihrer Hautfarbe gemäßen Wagen suchten, in den „Waldorf-Wagen“ verirrten, war die Verwirrung perfekt. Die Kinder beantworteten das auf ihre Weise und lehnten sich in jedem Bahnhof in gemischter Folge aus den Fenstern.

 

Anthroposophen setzen sich für eine multikulturelle Gesellschaft ein. Denn die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen ist ihr A und O. So war konsequenterweise die Waldorfschule die erste Schule in Südafrika, die es noch während der Apartheid durchsetzte, Schule unabhängig von Rassenzugehörigkeit zu betreiben.

In der UNESCO-Veröffentlichung Toleranz: die Schwelle des Friedens. Eine Lehr- und Lernanleitung für Bildung zu Frieden, Menschenrechten und Demokratie wird bei der Überwindung der Apartheid in Südafrika eine Initiative besonders hervorgehoben: das Novalis-Institut. Letzteres bildet südafrikanische Lehrer in den Methoden der Waldorfpädagogik aus und „trug besonders zur Heilung und zum Wiederaufbau nach dem rassistischen Erbe bei.“ In dem UNESCO-Bericht über diese Waldorflehrerausbildung heißt es wörtlich:

 

„Das Apartheid-System Südafrikas war sehr erfolgreich im realen Auseinanderhalten der verschiedenen Gemeinschaften. Das Novalis-Institut war sehr erfolgreich im realen Zusammenbringen dieser Gemeinschaften und im Aufbau einer neuen Realität und eines neuen Bewusstseins. (…) Es war bahnbrechend für eine neue und integrierte Gemeinschaft und legte für sie Fundamente.“ (Aus: Tolerance: the threshold of peace. A teaching/learning guide for education for peace, human right and democracy, UNESCO 1994).

 

Detlef Hardorp
Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg