Diktaturen kennen keine Freie Schule, weder formal noch inhaltlich. In der Weimarer Republik verstand man unter Freier Schule eine von der Bindung an die Kirche freie Schule. Die heutige Schule in freier Trägerschaft steht nach dem Grundgesetz Art. 7, Abs. 4 zwar wie das gesamte Schulwesen in öffentlicher Verantwortung, aber unter dem Schutz der Verfassung. Öffentliche Verantwortung heißt nicht Staatsmonopol. Ein freiheitlicher Staat wird stets die Konkurrenz zu seinen Einrichtungen nicht nur zulassen, sondern ermöglichen, gar fördern.

 

Die Zulassung von Schulen in freier Trägerschaft ist nicht an den öffentlichen Bedarf gebunden. Ihren Bestand oder ihre Schließung begründet die Entscheidung der Eltern für ihre Kinder und nicht ein dirigistisches Staatshandeln. (…) Unser Grundgesetz bindet die Genehmigung an die vergleichbare Qualität und an die wirtschaftliche Absicherung der Lehrer, aber auch – und das ist wichtig – an die Bedingung, dass keine Sonderung der Schülerinnen und Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern erfolgen darf. Das überlässt die Finanzierung von Schulen in freier Trägerschaft nicht der Willkür, dem parteipolitischen Geschmack. Die Zuschüsse müssen, freiheitssichernd, so bemessen sein, dass nicht nur reiche Leute sich Freiheit leisten können. (…)

 

Pluralismus ist nicht ein zu beklagendes Übel. Pluralismus – und davon wird noch zu reden sein – ist die Konsequenz der Freiheit. Wenn wir als Erziehungsziel den gesprächsbereiten, entscheidungsfähigen Staatsbürger nennen, dann ist deutlich, dass nicht die ununterscheidbare Vielfruchtmarmelade der Anschauungen gemeint ist, sondern dass es vielmehr um begründete Unterschiedlichkeit geht. Den Weg zu solcher Haltung könnte man als Erziehung beschreiben. In unserer Gesellschaft werden Schulen in freier Trägerschaft von vielen Eltern gewählt, weil, so heißt es, dort noch erzogen wird. Sie meinen damit, soweit ich es beurteilen kann, die Annahme des Kindes, des jungen Menschen als ganze Person, das Eingehen auf den Einzelnen. Unausgesprochen, ein bisschen diffus, meint man nicht selten damit die Vermittlung von bestimmten Werten. Mag es, was ungenügend ist, bei manchen nur der sekundäre Wert „Ordnung“ sein – „also da ist nicht einfach alles erlaubt“ – , mag es – schon sehr viel wichtiger – die Vorstellung eines sozialen Verhaltens sein und nur in recht seltenen Fällen die Hoffnung, die Erwartung, dass ein gelebter Glaube vermittelt werde, so ist doch damit ein Zeitzeichensignal gesetzt: Kinder sind nicht nur ein Prozentsatz in Abiturstatistiken, sie bedürfen der persönlichen, der erzieherischen Ansprache. Allerdings, um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Schule in freier Trägerschaft ist kein „Antisystem“ zur öffentlichen Schule, wie es Georg Picht 1970 bei der Verabschiedung des Strukturplanes für das deutsche Bildungswesen formulierte: „Die freien Schulen hatten schon immer jene erzieherischen Aufgaben zu lösen, die das staatliche Schulwesen seiner Aufgabe nach nicht bewältigen konnte.“ Dem widerspreche ich entschieden. Auch öffentliche Schulen dürfen nicht von der erzieherischen Verantwortung Abschied nehmen, und Schulen in freier Trägerschaft sind nicht die Lazarettwagen, die die Opfer der öffentlichen Bildungspolitik aufsammeln.

 

Hanna-Renate Laurien
Berliner Schulsenatorin a.D.

 

Auszug aus: Freie Schule in freier Gesellschaft, mit freundlicher Genehmigung der Autorin