Institutionalisierung ist immer eine Gefahr. Aus Idealen, aus denen lebendiger Geist hervorsprudelt, können sich Strukturen bilden, die eine strukturelle Eigendynamik bekommen. Wird das nicht mit genügend Bewusstsein und Innovationsfreude begleitet, laufen die Strukturen einer Institution immer Gefahr, von den guten Geistern verlassen zu werden. Dagegen ist keine Institution gefeit, selbstverständlich auch nicht die Waldorfschule. So können Diskrepanzen zwischen Ideal und Wirklichkeit entstehen.

 

Das sollte man nicht beklagen. Denn wer behauptet, alle Ideale vollkommen zu verwirklichen, hat entweder triviale Ideale, oder er lügt. Gerade diese Diskrepanz kann vor dem Einschlafen bewahren und immer zu neuem Leben anregen.

 

Was kann die Waldorfschule tun, um modern zu bleiben? Menschenfeindliche Geistigkeit nistet sich gerne dort ein, wo Bewusstseins- und Verantwortungshohlräume entstanden sind. In den schwerfälligen Apparaten einer großen Bürokratie ist diese Problematik die Norm. Aber auch die Selbstverwaltung kann in nicht unerheblichem Maße in ganz anderer Art dafür anfällig sein. Der erste Schritt dagegen lautet immer: geschärftes Bewusstsein. Das ist anthroposophisch: Anthroposophie ist geschärftes Bewusstsein. Damit Waldorfschule modern bleibt, sollte sie in diesem Sinne vermehrt auf Anthroposophie fußen.

 

Waldorfschule wagen heißt: am Puls der Zeit sein. Waldorfpädagogik hat ihre Wurzeln nicht im Jahre 1919, auch wenn sie dort zuerst manifest wurde. Wir müssen vorwärts zu den Quellen der Waldorfpädagogik. Diese liegen im Menschen im Hier und Jetzt und in der Zukunft. So kann Waldorfpädagogik auch nie auf irgendwelchen Programmen fußen. Alle Programme sind schon veraltet in dem Moment, in dem sie aufgestellt sind. Waldorfpädagogik kann nur auf Menschen mit Initiative bauen. Denn nur Menschen mit Initiative können initiative Menschen erziehen. Das ist der Kern des anthroposophischen Ansatzes.

 

Detlef Hardorp
Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg