Aus einer Diskussion auf der Interschul-Messe Berlin 1997 mit Prof. Dr. Joseph Weizenbaum (M.I.T., Cambridge, Mass.), Prof. Dr. Ernst Schuberth (Freie Hochschule für anthroposophische Pädagogik, Mannheim) und Prof. Dr. Peter Struck (Fachbereich Erziehungswissenschaft, Universität Hamburg).

 

Moderator: Ich begrüße Sie alle sehr herzlich zu der Diskussion: „Gehören Computer in die Grundschule?“. Ich denke, auf dieser Messe, bei der sehr viel über Computer und Multimedia gesprochen wird und angeboten wird, ist das eine der wenigen Veranstaltungen, bei der ein Fragezeichen hinter dem Wort Computer steht.

 

Herr Struck: International gesehen spielt der Lerncomputer in den Schulen unter vergleichbaren Ländern mit einer vergleichbaren Wirtschaftskraft eine größere Rolle als in Deutschland. Es gibt eine Studie aus den Niederlanden, die besagt, dass Kinder, wenn sie vor dem Computer lernen, in wesentlich kürzerer Zeit wesentlich mehr lernen, das dann auch noch wesentlich länger im Hirn haften bleibt. Wir ahnen schon, wenn man einen Heinz-Sielmann-Film über den Dachs in der Grundschule zeigt oder den sogar über Internet aus der Landesbildstelle abrufen kann, dass der Dachs sehr lebensnah rüberkommt, unter Tage gezeigt werden kann, wie er Würmer frisst, wie er seine Jungen zur Welt bringt usw., man kann ihn fast riechen und schmecken. Und das ist schon eine andere Qualität, als wenn der Lehrer nur etwas über den Dachs erzählt.

 

Kinder lernen besser, wenn sie selbst lernen, anstatt belehrt zu werden, sie lernen besser, wenn sie beim Lernen handeln dürfen, und sie lernen am besten, wenn sie zu zweit vor einem Problem sitzen. Besser, als wenn sie allein davor sitzen, besser aber auch, als wenn sie mit einer großen Gruppe, also zum Beispiel mit einer Klasse, davor sitzen. Wir müssen also Schule umbauen entsprechend unserer demokratischen wertepluralistischen Gesellschaft von einer Belehrungsanstalt zu einer Lernwerkstatt, damit Kinder mehr lernen.

 

Und wenn dann der Computer ein Medium ist, bei dem Grundschüler schneller Lesen, Schreiben und Rechnen lernen und das länger haften bleibt, aber auch anderes lernen, und wenn dann die Grundschule eine Schule sein wird, in der der Computer einerseits in kürzerer Zeit etwas mehr im herkömmlichen Lernen zustande bringt, dann muss das Gegengewicht gleichzeitig gestaltet werden, das Gegengewicht, was wir zum Beispiel von den Waldorfschulen her kennen, mehr Musisches, mehr Soziales, mehr Kreatives, mehr Muße, mehr Entspannung, mehr leibliche Versorgung.

 

Die herkömmliche Arbeitsteilung – die Familie erzieht und die Schule bildet – funktioniert bei immer mehr Kindern nicht mehr. Und wenn wir bei diesem Anteil von 40 % der deutschen Kinder, wo das mit der Erziehung zu Hause irgendwie nicht mehr richtig funktioniert, dafür sorgen, dass Lernen in einen erzieherischen Rahmen eingebettet wird, dann machen wir eine zeitgemäße Schule. Die muss aber eine Lernwerkstatt sein, und die muss versuchen, Zeit zu gewinnen für dieses Mehr an Erzieherischem, indem sie das Herkömmliche, zum Beispiel über den Computer, effektiver macht.

 

Moderator: Vielen Dank, Herr Struck. Das war ein differenziertes Plädoyer für den Computer in der Grundschule. Herr Weizenbaum, sehen Sie das auch so?

 

Herr Weizenbaum: Die kurze Antwort zu Ihrer Frage und auch zu der Frage, die auf dem Programm steht: Hat der Computer eine Funktion in der Grundschule? – zu beiden Fragen ist die einfache Antwort: nein.

 

Ich könnte damit aufhören, aber ich will doch noch ein paar Sachen sagen. Ich gehe aus von der amerikanischen Situation. Unsere Schule allgemein ist eine Katastrophe, das erkennt fast jeder heute. Unsere Regierung gibt eine Statistik heraus, dass ein Drittel unserer Jugend funktional analphabetisch ist, das heißt, sie können vielleicht ein Comicbuch lesen, und sie können ihren Namen schreiben und Straßenschilder lesen, aber richtig lesen und ganz besonders richtig schreiben, und ich möchte noch hinzufügen richtig sprechen, also irgendeine Idee auszusprechen, zu erklären, können sie nicht. Das ist ein Drittel unserer Jugend. Da kommt dann die Antwort in Amerika, und ich glaube, das fängt hier jetzt auch an: Wir müssen die Schulen mit Computern vollstopfen, damit die Kinder besser Lesen und Rechnen lernen. Da kann man die Frage stellen: Funktioniert das überhaupt? Ich glaube nicht, aber ich glaube auch, dass das die falsche Frage ist. Man sollte fragen: Warum können die Kinder in der Schule nicht lesen lernen? Wir haben diese Art, Probleme zu behandeln, ich meine ganz allgemein, dass wir ein Problem technologisieren. Das heißt, wir machen ein technisches Problem aus dem Problem, das vielleicht sozial ist oder psychologisch und so weiter, und dann wenden wir die technischen Instrumente, die wir haben, an. Und so ist das mit der Schule. Wir schmeißen Computer rein, und dann können die Eltern und die Regierung ruhig schlafen, denn jetzt machen wir endlich etwas. Aber ein Fakt dieses Zustands ist, dass die wesentlichen Fragen verdrängt werden.

 

Man könnte zum Beispiel fragen: Warum kann Johnny nicht in der Schule lesen lernen? Und wenn man ernsthaft versucht – ich spreche wieder einmal vom amerikanischen Standpunkt –, wenn man irgendwie einmal diese Frage richtig verfolgt, kommt man zu solchen Einsichten, dass Johnny Angst in der Schule hat. Da wird geprügelt, da werden Kinder erschossen – ich spreche jetzt von Amerika. Also Johnny hat Angst. Und mit solch einer Angst kann er sehr schwer lernen. Die Lehrerin oder der Lehrer haben auch Angst. – Oder Johnny hat Hunger. Dann sollte man fragen: Wie kommt das, dass Johnny Hunger hat? Wir hatten doch diese Schulprogramme, wo Kinder etwas zu essen bekamen? Dafür haben wir aber das Geld nicht mehr. Wo ist denn das Geld? Und dann kommt man zu politischen Fragen. Und da ist die Lösung, einfach einen Computer in die Schule reinzuschmeißen, eine Ausrede, damit diese wesentlichen Fragen überhaupt nicht behandelt werden müssen, dass sie verdrängt werden.

 

Ich glaube, man muss anfangen, man muss wirklich anfangen, bevor man den Computer einsetzt, mit der Frage: Was ist überhaupt die Aufgabe der Grundschule? Und das bedeutet, Prioritäten zu setzen. Das Budget der Schule, ich meine jetzt nicht nur das finanzielle Budget, ich meine auch das Zeitbudget, das ist doch endlich. Man kann nicht einfach beliebig etwas neu reinschmeißen, ohne dass man etwas rausschmeißt. Und da muss man sich fragen: Hat der Computer eine höhere Priorität als, sagen wir einmal, die Bibliothek? Und wenn man so eine Liste hat, was überhaupt die Aufgabe der Schule ist, was Prioritäten sind, dann, würde ich sagen, dann wird man ganz klar sehen, dass der Computer nicht eine hohe Priorität, ich würde sogar sagen, eine ganz niedrige Priorität in der Grundschule hat. Das ist vielleicht ganz anders für das Gymnasium, das ist bestimmt ganz anders für die Universität, aber in der Grundschule hat der Computer aus meiner Sicht keine Rolle zu spielen.

 

Moderator: Vielen Dank, Herr Weizenbaum. Herr Schuberth, haben Sie eine dritte Variante zu diesem Thema zu bieten?

 

Herr Schuberth: Ich möchte zunächst an Herrn Struck anschließen. Er hat den Dachs erwähnt, der aus dem Internet gezogen werden kann und dann brav unter der Erde wühlt und scheinbar zeigt, was er alles kann. Wenn man das in Gegensatz stellt zu dem, was ein guter Lehrer in seiner Schilderung geben kann, der also schildert, wie vielleicht bei Tagesanbruch das Tier aus der Höhle herauskommt, sich reinigt, etwas herumläuft, dann vielleicht mit den Jungen spielt, dann wird sofort offensichtlich, dass hier eine Grundentscheidung gefällt wird, nämlich: Was will ich eigentlich dem Kinde beibringen? Soll es Bilder aufnehmen, die technisch aufbereitet sind und von einer nicht mehr sichtbaren Autorität in den Computer eingeschleust wurden? Denn nicht der Computer oder das Fernsehen sind die Autorität, sondern die Leute, die das gestalten. Und die werden meistens vergessen, es wird eine anonyme Autorität aufgebaut. Und was nehme ich dem Kind? Ich nehme dem Kind die Anstrengung, die innere Tätigkeit, Bilder zu erzeugen.

 

Brauchen wir diese innere Tätigkeit? Herr Weizenbaum ist eingegangen auf die Situation in amerikanischen Schulhöfen, und Sie wissen, auch in Deutschland ist das Problem Gewalt inzwischen großgeschrieben. Was fehlt denn den Menschen? Es fehlt doch nicht die Information, mit der wir überschwemmt sind, sondern es fehlt die Fähigkeit, innere moralische Qualitäten zu entwickeln. Und das entwickeln wir weiß Gott nicht an Fernsehbildern, sondern an der Begegnung von Mensch und Mensch. Und deswegen plädiere ich entschieden für den geschilderten Dachs, für den beschriebenen Dachs, bei dem das Kind seine Bilder sich selber erzeugen kann, sich erzeugen muss, und seelisch in das einsteigt, was ihm ein anderer Mensch und nicht eine Maschine anbietet.

 

Aber was ist überhaupt die Aufgabe der Grundschule? Wenn wir Raum für Computer in der Grundschule bereitstellen, das sagte Herr Weizenbaum gerade schon, müssen wir anderes streichen. Und ich glaube, dass die ganze Argumentation für oder gegen Computer in der Schule überhaupt, aber speziell in der Grundschule, nur geführt werden kann, wenn wir uns klar werden, was wir eigentlich tun müssen. Durch die Medien ist es doch klar, dass das Kind diese Überfütterung mit Informationen hat und ein Defizit an Eigentätigkeit entwickelt. Was muss das Kind eigentlich entwickeln in diesem Alter?

 

Das Erste ist eine gesunde Motorik. Es muss sich bewegen lernen, es muss primäre Sinneserfahrungen machen, es muss sozusagen in seinen eigenen Leib sich einhausen. Das Zweite, und das ist in Amerika schon fast katastrophal geworden, Herr Weizenbaum hat es angesprochen – wenn Sie den Regierungsbericht von Bush, dem damaligen Präsidenten, lesen, über das Programm „America 2000“, sehen Sie diese Probleme alle benannt –: Sprache steht nicht mehr zur Verfügung. Sie kennen vielleicht den Titel „Die Pistole ist die Sprache der Sprachlosen“, das heißt, Gewalt setzt dort ein, wo Sprache nicht mehr zur Verfügung steht. Und wir wissen – das ist untersucht worden –, Sprache wird nicht von Medien gelernt. Sprache wird gelernt von dem Menschen, der mit mir spricht. Berühmt ist die Geschichte des Kindes, das stumme Eltern hat und dem man viel Fernsehen zeigt, damit es jetzt vom Fernsehen Sprache lernt. Es lernt eben nicht, denn Sprache wird vom anderen Menschen aufgenommen. Das ist das Zweite.

 

Das Dritte sind die schon erwähnten Hirnstrukturen, das heißt, das Kind muss denken lernen, und dieses Denken ist doch nicht ein Reproduzieren von Wissen. Und da liegt mein großes Fragezeichen an diejenigen, die jetzt solche Programme für Computer in der Grundschule machen: Ist ihnen eigentlich klar, was der Lernprozess ist? Verstehe ich Lernen als Informationsübermittlung oder verstehe ich Lernen als Fähigkeitsentwicklung? Wenn ich das Kind auf ein Verhalten dressiere, dass es Technik beherrschen kann, dann werde ich jemanden bekommen, der das genau tut, was die Menschen, die diese Programme gestalten, erzielen wollen. Ich werde aber nicht einen Menschen erziehen, der selbstbestimmt Neues entwickelt, aus sich heraus, aus primären Erfahrungen. Und deswegen mein ganz entschiedenes Votum: Computer gehören nicht in die Grundschule. Sie gehören vielleicht in die Verwaltung der Grundschule, um Stundenpläne zu machen, sie gehören in den Hintergrund. Ich spreche nicht gegen Computer im Allgemeinen, aber sie gehören nicht in den Klassenraum. In den Klassenraum gehören Menschen, die mit Kindern umgehen können, die offen für Kinder sind, die individuell Kinder sehen können, die Kinder zu Eigentätigkeit anregen können, die sprechen können, die Sprache der Kinder entwickeln können.

 

Wir haben in der Freien Hochschule für Anthroposophische Pädagogik in Mannheim eine Abteilung Sozialarbeit, wo wir zusammen mit der Stadt Mannheim Kinder betreuen, deren soziologische Gruppe bis dahin zu 40 % Sonderschüler stellte. Das war, was die Stadt uns vorgab als Gruppe. Aus der Arbeit an Bewegung, an Sprache, im Vorschulalter, dann schulbegleitend, nicht an Waldorfschulen, sondern an staatlichen Schulen, haben wir diese Quote praktisch auf Null herunterbekommen, in jetzt inzwischen 15 bis 16 Jahren. Das ist nur zu erreichen, wenn man nicht das Kind auf eine Maschine dressiert, sondern wenn man das Kind, seinen Leib, seine Seele und sein Geistiges, wirklich anschaut und an ihm arbeitet.

 

Also noch einmal: Ich votiere entschieden gegen den Einsatz von Computern in der Grundschule, gerade wegen der Medien, die das Kind im außerschulischen Bereich überschwemmen, um ihm dort die Chance zu geben, sich wirklich in sich selber, in seinem Leib, einzuhausen, Primärerfahrungen zu machen, Sprache zu entwickeln, kreativ schöpferisch tätig zu sein im künstlerischen Prozess, und nicht durch das Medium Bildschirm von der Wirklichkeit abgetrennt zu werden.