Kommentar zu einem Artikel im Tagesspiegel vom 30. Juni 2014:
Berliner Eltern rebellieren gegen die Früheinschulung

 

Vor bald 10 Jahren waren die Waldorfschulen die einzigen, die sich im Berliner Abgeordnetenhaus und bei der Schulverwaltung gegen die Früheinschulung aussprachen und auf Studien wie diese und diese verwiesen, die sehr deutlich machten, dass psychologisch und medizinisch betrachtet Früheinschulung schädlich ist. Keiner in der Schulverwaltung und in der Politik wollte das hören. Eine Verwaltungsentscheidung wurde durchgewunken, ohne auch nur ansatzweise über die Auswirkungen auf die Kinder als Menschen nachgedacht zu haben. Legoartig wurden Kinder zwischen Kindergarten und Schule verschoben. Dabei wurde der Begriff der Schulreife einfach als „überholt“ abgetan. Eine tiefergehende Begründung für das Vorziehen des Einschulungsalters wurde nicht gegeben.

 

Bald ein Jahrzehnt später holt einen nun die Wirklichkeit ein.

 

Das tiefergehende Fazit sollte sein: Politiker und infrastrukturdenkende Verwaltungsbeamte sind nicht kompetent, über Bildung grundlegende Entscheidungen zu treffen! Es kann noch so oft schiefgehen: Merkwürdigerweise stellt keiner die Kompetenz der Entscheidenden in Frage. Dass der Staat Bildung bestimmt, bleibt herrschendes Dogma.

 

Es wird leicht gekontert: Sollte denn Bildung etwa „privatisiert“ und vom „Markt“ bestimmt werden? Das sollte sie nicht. Bildung ist grundsätzlich gemeinnützig und sollte auch so betrieben werden.

 

Hier wird zu leicht in Polaritäten gedacht. Neben Staat und Wirtschaft entwickelt sich zunehmend ein dritter Sektor, der sich im Kern freiheitlich selbst gestaltet. Er arbeitet aus Bildungsidealen, versteht viel von Bildung aus der unmittelbaren Praxis heraus und kann selbstverwaltet mit kleinen Entitäten und lokaler Kompetenz viel flexibler agieren als staatsgesteuerte Top-down-Organisationen.

 

Vor etwa einhundert Jahren war Rudolf Steiner der erste, der ein selbstverwaltetes „freies Geistesleben“ als dritten Sektor neben Staat und Wirtschaft als geeigneteren Träger von Schule und Bildung forderte. Im Vorwort zu seinem Buch Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft schrieb er:

 

„Die neuere Menschheit hat ein Geistesleben entwickelt, das von staatlichen Einrichtungen und von wirtschaftlichen Kräften in einem hohen Grade abhängig ist. Der Mensch wird noch als Kind in die Erziehung und den Unterricht des Staates aufgenommen. Er kann nur so erzogen werden, wie die wirtschaftlichen Zustände der Umgebung es gestatten, aus denen er herauswächst.

 

Man kann nun leicht glauben, dadurch müsse der Mensch gut an die Lebensverhältnisse der Gegenwart angepasst sein. Denn der Staat habe die Möglichkeit, die Einrichtungen des Erziehungs- und Unterrichtswesens und damit des wesentlichen Teiles des öffentlichen Geisteslebens so zu gestalten, dass dadurch der Menschengemeinschaft am besten gedient werde. Und auch das kann man leicht glauben, dass der Mensch dadurch das bestmögliche Mitglied der menschlichen Gemeinschaft werde, wenn er im Sinne der wirtschaftlichen Möglichkeiten erzogen wird, aus denen er herauswächst, und wenn er durch diese Erziehung an denjenigen Platz gestellt wird, den ihm diese wirtschaftlichen Möglichkeiten anweisen.

 

Diese Schrift muss die heute wenig beliebte Aufgabe übernehmen, zu zeigen, dass die Verworrenheit unseres öffentlichen Lebens von der Abhängigkeit des Geisteslebens vom Staate und der Wirtschaft herrührt. Und sie muss zeigen, dass die Befreiung des Geisteslebens aus dieser Abhängigkeit den einen Teil der so brennenden sozialen Frage bildet.

 

Damit wendet sich diese Schrift gegen weitverbreitete Irrtümer. In der Übernahme des Erziehungswesens durch den Staat sieht man seit Langem etwas dem Fortschritt der Menschheit Heilsames. Und sozialistisch Denkende können sich kaum etwas anderes vorstellen, als dass die Gesellschaft den Einzelnen zu ihrem Dienste nach ihren Maßnahmen erziehe.

 

Man will sich nicht leicht zu einer Einsicht bequemen, die auf diesem Gebiete heute unbedingt notwendig ist. Es ist die, dass in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit in einer späteren Zeit zum Irrtum werden kann, was in einer früheren richtig ist. Es war für das Heraufkommen der neuzeitlichen Menschheitsverhältnisse notwendig, dass das Erziehungswesen und damit das öffentliche Geistesleben den Kreisen, die es im Mittelalter innehatten, abgenommen und dem Staate überantwortet wurde. Die weitere Beibehaltung dieses Zustandes ist aber ein schwerer sozialer Irrtum.

 

Das will diese Schrift in ihrem ersten Teile zeigen. Innerhalb des Staatsgefüges ist das Geistesleben zur Freiheit herangewachsen; es kann in dieser Freiheit nicht richtig leben, wenn ihm nicht die volle Selbstverwaltung gegeben wird. Das Geistesleben fordert durch das Wesen, das es angenommen hat, dass es ein völlig selbstständiges Glied des sozialen Organismus bilde. Das Erziehungs- und Unterrichtswesen, aus dem ja doch alles geistige Leben herauswächst, muss in die Verwaltung derer gestellt werden, die erziehen und unterrichten. In diese Verwaltung soll nichts hineinreden oder hineinregieren, was im Staate oder in der Wirtschaft tätig ist. Jeder Unterrichtende hat für das Unterrichten nur so viel Zeit aufzuwenden, dass er auch noch ein Verwaltender auf seinem Gebiete sein kann. Er wird dadurch die Verwaltung so besorgen, wie er die Erziehung und den Unterricht selbst besorgt. Niemand gibt Vorschriften, der nicht gleichzeitig selbst im lebendigen Unterrichten und Erziehen drinnen steht. Kein Parlament, keine Persönlichkeit, die vielleicht einmal unterrichtet hat, aber dies nicht mehr selbst tut, sprechen mit. Was im Unterricht ganz unmittelbar erfahren wird, das fließt auch in die Verwaltung ein. Es ist naturgemäß, dass innerhalb einer solchen Einrichtung Sachlichkeit und Fachtüchtigkeit in dem höchstmöglichen Maße wirken.

 

Man kann natürlich einwenden, dass auch in einer solchen Selbstverwaltung des Geisteslebens nicht alles vollkommen sein werde. Doch das wird im wirklichen Leben auch gar nicht zu fordern sein. Dass das Bestmögliche zustande komme, das allein kann angestrebt werden. Die Fähigkeiten, die in dem Menschenkinde heranwachsen, werden der Gemeinschaft wirklich übermittelt werden, wenn über ihre Ausbildung nur zu sorgen hat, wer aus geistigen Bestimmungsgründen heraus sein maßgebendes Urteil fällen kann. Wie weit ein Kind nach der einen oder der andern Richtung zu bringen ist, darüber wird ein Urteil nur in einer freien Geistgemeinschaft entstehen können. Und was zu tun ist, um einem solchen Urteil zu seinem Recht zu verhelfen, das kann nur aus einer solchen Gemeinschaft heraus bestimmt werden. Aus ihr können das Staats- und das Wirtschaftsleben die Kräfte empfangen, die sie sich nicht geben können, wenn sie von ihren Gesichtspunkten aus das Geistesleben gestalten.“

 

Gemäß dem deutschen Grundgesetz obliegt die Schulaufsicht dem Staat. Dass der Staat aber selbst Schule betreiben soll, wird von der Verfassung genauso wenig wie die allgemeine Schulpflicht stipuliert. Ein Bundesland könnte morgen entscheiden, dem sehr erfolgreichen holländischen Modell zu folgen, wo Schulen hauptsächlich in freier Trägerschaft betrieben werden. Es könnte sich auch der europäischen Umgebung anschließen, deren Länder allesamt keine absolute Schulpflicht kennen, dafür aber eine Bildungspflicht, der – unter einer gewissen Aufsicht – auch andersartig nachgekommen werden kann als durch die klassische Schulbildung. Auf dem 3. deutschen Schulrechtstag am 27. Juni 2014 in Berlin war das auch Thema. Dem dort vortragenden Vertreter des hessischen Bildungsministeriums war allerdings nicht bekannt, dass sich Vertreter der Bildungsverwaltung oder der Politik je mit der Umsetzung einer Bildungspflicht (anstelle einer Schulpflicht) der europäischen Nachbarländer beschäftigt hätten. Gemäß § 3 des Berliner Schulgesetzes gehört es zwar zu den Bildungszielen, dass Schülerinnen und Schüler lernen, „ihre Aufgaben als Bürgerinnen und Bürger in einem gemeinsamen Europa wahrzunehmen“. So gemeinsam ist Europa aber scheinbar noch nicht, dass Politiker und die Bildungsverwaltung bezüglich dieser grundsätzlichen Bildungsfragen einen ernsten Blick auf „best practice“ anderer europäischer Länder werfen …

 

Dr. Detlef Hardorp
Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg