Rudolf Steiner hat sich intensiv für dasjenige ausgesprochen, was er für einzig heilsam hielt: die multikulturelle Gesellschaft, in der die Selbstbestimmung jeder Kultur nicht angetastet wird. Von Unterschriftensammlungen Prominenter bis hin zu Flugblattaktionen hat er dafür gekämpft und sich gegen den Minderheiten unterdrückenden Einheitsstaat ausgesprochen. Anstelle dessen setzte er sich für ein freies Geistesleben, insbesondere auch für die Menschen verschiedener Ethnien auf gleichem Grund und Boden, ein Rechtsleben mit gleichen Grundrechten für alle und ein Wirtschaftsleben der Assoziationen von Produzenten, Konsumenten und Handel ein.

 

1922 sollte das ethnisch durchmischte Oberschlesien entweder Polen oder Preußen angegliedert oder – ethnisch gereinigt – aufgeteilt werden. Rudolf Steiner lancierte eine politische Aktion mit dem Ziel, dass die Oberschlesier beider Ethnien sich unter Protest weder Polen noch Preußen anschließen sollten. In seinem Aufruf zur Rettung Oberschlesiens heißt es: „Gerade in Oberschlesien schreien die Verhältnisse nach einer solchen Dreigliederung. Hier kämpfen zwei Kulturen, zwei Volksindividualitäten, die einander durchdringen, um die Möglichkeit, sich auszuleben. Schulwesen und richterliche Rechtsprechung sind die wichtigsten Punkte, die zu Reibungen Anlass geben. Nur durch die Befreiung des Geisteslebens können gerade in Oberschlesien diese brennenden Fragen gelöst werden. Nebeneinander werden sich dann die zwei Kulturen, die deutsche und die polnische, entsprechend ihren Lebenskräfte entwickeln können, ohne dass die eine eine Vergewaltigung durch die andere zu befürchten hat und ohne dass der politische Staat für die eine oder die andere Partei ergreift. Nicht nur eigene Bildungsanstalten, sondern eigene Verwaltungskörperschaften für das Kulturleben wird jede Nationalität errichten, sodass Reibungen ausgeschlossen sind.“

 

Martin Barkhoff, ehemaliger Chefredakteur der Wochenschrift Das Goetheanum, fasst die Haltung Steiners so zusammen: „Der Staat in Deutschland kann – nach den sozialen Impulsen Rudolf Steiners – nicht den Deutschen gehören, sondern nur allen seinen Anwohnern in gleicher Weise; der Staat in Polen, in Rumänien, Frankreich nicht den Polen, Rumänen, Franzosen. Rudolf Steiner hat für diesen Entwurf, diesen Impuls der multikulturellen Gesellschaft im entethnisierten Staat nachhaltig und mit großem Einsatz politisch gekämpft. (…) Es ist daher auch klar, dass gerade von den völkischen Gruppen der brutalste Widerstand gegen Rudolf Steiner erfolgte. (…) Tatsächlich antworteten die völkischen Kreise und Milizen auf Rudolf Steiners politische Tätigkeit mit Terroraktionen, bei denen er knapp mit dem Leben davonkam und die ihm das öffentliche Auftreten in Deutschland vollkommen verunmöglichten. Im Völkischen Beobachter kennzeichnete Adolf Hitler die Dreigliederung des sozialen Organismus als eine dieser ,ganzen jüdischen Methoden zur Zerstörung der normalen Geistesverfassung der Völker‘.“

 

Wird nicht die Selbstbestimmung des einzelnen Menschen, sondern die der Minderheiten unterdrückenden Nation vorangestellt, dann prophezeite Steiner unendliches Blutvergießen. Denn die von Woodrow Wilson propagierte Idee der „self-determination of nations“ gewährt dubiosen Machtstrukturen bis in die heutige Zeit eine Unantastbarkeit, die sie wider das Individuum („Dissidenten“) und ethnische Minderheiten auf brutalste Art einsetzen kann. Hier liegt ein Nährboden von staatlich sanktioniertem Rassismus, der von Rudolf Steiner frühzeitig erkannt wurde und gegen den er mit aller Deutlichkeit vehement gekämpft hat.

 

Detlef Hardorp
Bildungspolitischer Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg